52 Games #3 – Natur


Früher war alles einfacher. Damals als die Natur noch diese gefährliche und mysteriöse Aura ausgestrahlt hat. Eine Zeit in der unsere Vorfahren als lose organisierte Stämme über das Antlitz der Welt streiften. Der klassische Jäger und Sammler verstand die Welt nicht, lebte in Furcht vor Naturgewalten wie Blitz und Donner und war am Ende des Tages einfach froh, dass er nicht im Magen eines Raubtieres gelandet ist. Irgendwann kam das Feuer. Und später immer komplexere Werkzeuge. Die Technik hielt Einzug in das Wesen des Menschen. Sie war eine Möglichkeit die Natur zu verstehen, zu formen und zu unterwerfen. Doch mit der Technik verlor der Mensch erst seine Unschuld und nicht viel später auch Respekt und Ehrfurcht vor der einst geheimnisvollen Natur.

Nicht so in der „Zone“. Hier wurden die Uhren auf Anfang zurückgestellt, der Mensch steckt wieder in seinen Kinderschuhen und muss die Spielregeln neu erlernen. Die Zone ist ein mehrere Quadratkilometer umfassendes Gebiet rund um das Kernkraftwerk in Tschernobyl. Einige Jahre nach dem ersten Reaktorunfall, lässt die Technik den Menschen einmal mehr im Stich und führt im seine Fehlbarkeit erneut vor Augen. Belastet durch radioaktive Strahlung ist die Zone eigentlich ein Sperrgebiet für jede Menschenseele. Doch angelockt von Forscherdrang, Abenteuerlust oder schlichter Profitgier hat es trotzdem einige Glücksritter in die Todeszone verschlagen: Die Stalker.

Und ganz wie in den Anfangstagen der Menschheit rotten auch die sich in Gruppen zusammen, um überhaupt eine Chance zu haben. Die Gefahren in der Zone sind mannigfaltig. Die hohe Strahlenbelastung ist da noch das geringste Problem. Wer sich in der Zone bewegt muss schon bald feststellen, dass Mutter Natur immer einen Weg findet: Mutierte Lebewesen bewohnen das Umland und haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert. Rudel aus blinden Hunden machen Jagd auf törichte Einzelgänger und deformierte Schweine. Entstellte Eber greifen per se alles an, was sich bewegt, machen aber ebenfalls einen großen Bogen um die Verstecke der unsichtbaren Bloodsucker. Der Mensch steht hier schon lange nicht mehr am oberen Ende der Nahrungskette. Verfallene und dahinrottende Industrieanlagen und vor allem die Geisterstadt Pripyat sind nicht nur gespenstische Ruinen, sondern auch eine moderne Form der frühzeitlichen Bärenhöhle. Ein Ort, in den sich der frühe Mensch nur mit Fackel und äußerster Vorsicht hineingewagt hat. Nur dass die Fackel heute ein Nachtsichtgerät ist, die Vorsicht in Form einer schussbereiten Kalaschnikow daherkommt und der Bär ein angriffslustiger Mutant sein kann.

Doch geht die Gefahr nicht nur von Mutanten, sondern auch von der Zone selbst aus. Denn seit dem zweiten Reaktorunglück scheinen die Naturgesetze hier nicht mehr zu greifen. Unsichtbare Anomalien sind eine konstante Bedrohung für jedes Lebewesen. So existieren beispielsweise Bereiche, in denen die Schwerkraft so stark erhöht ist, dass Unvorsichtige einfach so zerquetscht werden. Andere Anomalien schleudern ihre Opfer durch die Luft, fügen ihnen schwere Verbrennungen zu oder teleportieren sie an einen ganz anderen Ort. Wie wenig die Stalker diese Naturphänomene verstehen, verdeutlicht schon die Methode, mit der sie aufgespürt werden: Man wirft eine Schraube in den verdächtigen Bereich und versucht ihn dann zu umgehen.

Das alles ist aber noch nichts gegen plötzlich auftretende Blowouts, massive Freisetzungen radioaktiver Energie, die die ganze Zone betreffen. Kündigt sich so eine Naturgewalt mit Blitz und Donner an, gilt es schnell einen Unterschlupf zu finden. Wenn man aus der Sicherheit einer Ruine nach draußen blickt und der Himmel dank seiner roten Färbung so aussieht als stünde er in Flammen, kann man ungefähr nachfühlen wie bedrohlich ein Gewitter auf die frühen Menschen gewirkt haben muss. Und das ist auch das Schlimmste an den Blowouts: Dieses Wissen, dass dagegen weder Gewehrkugeln noch Schrauben helfen.

Die Natur in S.T.A.L.K.E.R.: Shadow of Chernobyl ist ein Schreckenskabinett menschlicher Urängste. Angst vor Dunkelheit, Raubtieren und die Machtlosigkeit gegenüber Naturgewalten sind allgegenwärtig. Die eigentliche Tragik der Zone besteht darin, dass sie vom Menschen und seinem blinden Technikglaube, der sich im Atomkraftwerk Tschernobyl manifestiert, geschaffen wurde. Während das Leben außerhalb der Zonengrenzen nach gewohnten Regeln verläuft, ist die Zone selbst Ort des Urzustandes. Ein Platz an dem der Mensch erst wieder lernen muss. Wo er wie seine Vorfahren jagen, sammeln und sich in kleinen Gruppen organisieren muss. Und vielleicht ist die Zone auch der Ort, an dem der Mensch endlich erkennt, dass er gegenüber der Natur immer den Kürzeren ziehen wird.

Dieser Artikel zum Thema „Natur“ entstand im Rahmen des Projekts „52 Games“ von Zockwork Orange

3 Gedanken zu „52 Games #3 – Natur

  1. Danke! Der Hardwarehunger von S.T.A.L.K.E.R. war wirklich enorm. Bleibt zu hoffen, dass der zweite Teil doch irgendwann mal fertiggestellt wird und plattformübergreifend erscheint.

  2. Pingback: [52 Games] Thema 04: Minimalismus » 52 Games » Zockwork Orange

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