Kettcar – Zwischen den Runden

Das Problem mit solchen Bands wie Kettcar ist folgendes: Die Wartezeit zwischen einem Album und dem nächsten, fühlt sich mehr nach Ewigkeit als nach drei Jahren an. Eine Zeitspanne, in der man selber älter wird, womöglich andere Musikrichtungen für sich entdeckt und die Erinnerungen an früher geliebte Bands langsam aber sicher zu verblassen drohen. Und nun klopft nach vier Jahren der neue Langspieler „Zwischen den Runden“ an die Tür. Einfach so. Man begrüßt sich schüchtern und schüttelt sich die Hände, anstatt den Anderen zu umarmen. Wie man es eben so macht, wenn man sich insgeheim schon gegenseitig abgeschrieben hat.

Gedanken wie „Ach, gibt’s die auch noch?“ oder „Das Kapitel ist doch schon lange abgehakt“, mögen einem durch den Kopf spuken. Während man also von leisen Zweifeln angenagt wird, tun Kettcar so als ob sie nie fort gewesen wären. „Rettung“ nennt sich der Eröffnungstitel des Albums und ist vermutlich eines der schönsten Liebeslieder, die die Band je geschrieben hat. Sänger Marcus Wiebusch erzählt das vom Nachspiel eines feuchtfröhlichen Abends. Der beschwerliche Weg nach Hause, das Verfehlen der Kloschüssel und das anschließende Kotze-aus-dem-Haar-Pulen. Aber eben auch die echte Zuneigung in solchen Momenten, die Gewissheit, dass man nicht allein ist und sich auf den Anderen verlassen kann.

Überhaupt entfernen sich Kettcar vom politischen, pessimistischen, vor allem aber wütenden Weg, den sie mit ihrem letzten Album „Sylt“ beschritten haben. Anstatt das große Ganze im Blick zu behalten, zoomen die Hamburger wieder näher an die kleinen Geschichten heran. Vom stillen Moment neben einer geliebten Person aufzuwachen („Schweben“), über die eigentlich perfekte Beziehung, die von Alltagssorgen langsam aufgefressen wird („R.I.P.“), bis hin zu tragikomischen Beobachtungen in Kneipen und auf Bahnsteigen („Kommt ein Mann in die Bar“ und „Erkenschwick“): Kettcar besinnen sich in ihrer Themenwahl auf die eigenen Wurzeln.

Und doch sind die Texte weniger kryptisch als gewohnt. Den Moment, in dem eine einzelne Zeile wie das fehlende Puzzlestück den kompletten Song erklärt, verspürt man nur noch selten. Ob das nun der starken Einbindung Reimer Bustorffs, in den Songwriting-Prozess geschuldet ist, der sich für fünf der zwölf Lieder verantwortlich zeichnet, darüber lässt sich nur spekulieren. Fakt ist aber, dass diese textliche Entschlackung der Band gut tut. So kommt „Zwischen den Runden“ äußerst leichtfüßig und weniger verkopft daher, verzichtet aber trotzdem nicht auf diese kleinen, weisen Sätze, die am liebsten mit der ganzen Welt geteilt werden möchten.

Nicht ganz unschuldig an der neuen alten Leichtigkeit nach „Sylt“ ist der vermehrte Einsatz von Streichern und federleichten Pianopassagen. Und mal abgesehen von lauteren Stücken wie dem kratzbürstigen „Schrilles, buntes Hamburg“ oder „Im Club“, ist eh nicht mehr viel Rock in den Kompositionen zu finden. Stattdessen verpacken Kettcar ihre Texte in wärmenden Pop. Mal mit Strom, sehr viel öfter aber rein akustisch und eben mit besagten Streich- und Tasteninstrumenten. Angesichts dessen, dass „Zwischen den Runden“ die bislang höchste Balladendichte aufweist, ist das ja auch nur legitim.

Die anfängliche Skepsis war übrigens unbegründet. Denn Kettcar haben ihre Stärken nicht vergessen. Melancholie fetzt sich mit Erhabenheit und am Ende liegen sich die beiden doch wieder in den Armen. Am eindrucksvollsten wird das im tragischen und zugleich wärmenden „Zurück aus Ohlsdorf“ demonstriert. Danach möchte man am liebsten zum Telefonhörer greifen, bei halb vergessenen Freunden anrufen und sich nach ihnen erkundigen.

Mit „Zwischen den Runden“ zeigen Kettcar, dass sich die lange Wartezeit gelohnt hat. Nach dem stürmischen „Sylt“ ist man mit sich und der Welt wieder im Reinen. Das merkt man dem Album in jeder Sekunde an. Trotzdem vergessen Kettcar dabei nie „dass aus dem Kitsch ein Krieg werden kann“. Für den Moment darf es aber gern weiter so gemütlich und ruhig bleiben.

Tracklist:

01. Rettung
02. Im Club
03. Schwebend
04. R.I.P
05. Kommt ein Mann in die Bar
06. Weil ich es niemals so oft sagen werde
07. Schrilles, buntes Hamburg
08. Nach Süden
09. In deinen Armen
10. Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd
11. Erkenschwick
12. Zurück aus Ohlsdorf

Spielzeit: 41:13

2 Gedanken zu „Kettcar – Zwischen den Runden

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