J. Edgar

Nach Clint Eastwood kann man sich mittlerweile die Uhr stellen. Seit 2008 bringt der nunmehr 81-Jährige mindestens einen Film pro Jahr in die Kinos. Auch seine neueste Arbeit „J. Edgar“ führt die Tradition fort. Dieses Mal hat sich Eastwood für ein waschechtes Biopic entschieden, welches sich um eine der umstrittensten und einflussreichsten Personen in der Geschichte der USA dreht: J. Edgar Hoover, Gründer und „ewiger Leiter“ des FBI.

Zusammen mit Drehbuchautor Dustin Lance Black, zeichnet Eastwood Hoovers Aufstieg vom aufstrebenden Beamten im Justizministerium zu einem der einflussreichsten Männer der USA nach. Hoover, das wird schnell deutlich, ist weder Held noch Schurke und gerade deswegen eine hochspannende Person. Zwar schreckt er nicht davor zurück Dissidenten und unliebsame Aktivisten des Landes zu verweisen oder bestehende Gesetze zu seinen Gunsten zu biegen. Doch im selben Zug ist er für die Etablierung forensischer Verfahren und des FBI als eine hocheffektive Ermittlungsbehörde verantwortlich.

Für die Rolle Hoovers konnte Clint Eastwood Leonardo DiCaprio verpflichten, der sich über die letzten Jahre zu einem echten Charakterdarsteller gemausert hat. Sein Können stellt er auch in „J.Edgar“ wieder unter Beweis. DiCaprio gelingt es Hoovers Härte gegenüber seinen zahlreichen Gegenspielern, oder jenen die er dafür hält, ebenso eindrucksvoll darzustellen wie seine Verletzlichkeit im Privaten. Eastwood schenkt in diesem Punkt der homosexuellen Beziehung zwischen Hoover und dessen engsten Vertrauten Clyde Tolson (Armie Hammer) besonders viel Aufmerksamkeit. Das ist insofern erstaunlich, weil diese Beziehung zu Lebzeiten Hoovers nie bestätigt wurde, sondern allenfalls als ein Gerücht herumgeisterte. Ohne diesen Teil der Biografie würde dem Film jedoch eine entscheidende Komponente fehlen. Gerade weil sich Hoover trotz der Doktrinen seiner strengen Mutter (fantastisch gespielt von Judi Dench) zu Clyde Tolson hingezogen fühlt, dabei aber zunehmend unter der allgegenwärtigen Spannung zwischen seiner Arbeit und unterdrückter Sexualität leidet, wird er für den Zuschauer erst greifbar: Hoover ist trotz seiner zahlreichen charakterlichen Makel am Ende des Tages immer noch ein Mensch wie jeder andere.

So spannend die Figur Hoover auch sein mag, so dröge ist mitunter die Erzählung an sich. Während sich eine Hälfte des Films mit der Entführung von Charles Lindberghs Baby befasst, also einen spannenden Kriminalfall bietet, dessen Aufklärung Hoover einen gewaltigen Aufwind beschert, so ist der FBI-Chef in der zweiten Hälfte des Filmes vor allem damit beschäftigt dem jeweils amtierenden Präsidenten auf den Schlips zu treten. Als erschwerendes Element erweist sich die verschachtelte Erzählweise des Films. Wenn Eastwood und Drehbuchautor Black innerhalb weniger Filmminuten von der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück springen, ist das nur noch anstrengend für den Zuschauer. Trotz der offensichtlichen Schwachstellen gelingt es „J. Edgar“ aber durch Musik, Kostüme und Schauplätze das Flair und politische Klima der damaligen Zeit einzufangen.

„J. Edgar“ ist kein Film für jedermann. Leute mit Interesse für Biopics an sich, J. Edgar Hoover oder die Geschichte der USA werden ganz bestimmt auf ihre Kosten kommen. Wer sich zu keiner dieser Gruppen zählt, wird sehr wahrscheinlich seine Mühe mit Clint Eastwoods neuester Regiearbeit haben. Dennoch lohnt sich der Kinobesuch schon allein wegen der fantastischen Darstellerriege. Trotz erzählerischer Schwächen gelingt es vor allem Leonardo DiCaprio, der trockenen Thematik Leben einzuhauchen. „J. Edgar“ ist ganz sicher kein Meisterwerk, sondern ein Film mit Licht- und Schattenseiten. Und in Bezug auf die behandelte Person ist das ja auch schon wieder passend.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 137 Minuten
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Dustin Lance Black
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Judi Dench, Armie Hammer, Naomi Watts u.a.

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