Verblendung

„Och nö, muss das sein?!“, „Die Amis wieder…“, „Jetzt schon?!“ – Remakes haben keinen guten Ruf. Remakes sind vor allem eine Möglichkeit das schnelle Geld zu machen und das Original ist sowieso immer besser. Sagt man zumindest. Im Falle von „Verblendung“ sieht die Sache etwas anders aus. Schon 2009 wurde Stieg Larssons erstes Buch der Millenium-Trilogie vom Dänen Niels Arden Oplev verfilmt. Nun, zwei Jahre später, wagt sich David Fincher an den Stoff und bringt damit weniger eine Neufassung von Oplevs Film auf die Leinwand, sondern seine eigene Interpretation der Romanvorlage.

Für den Enthüllungsjournalisten Mikael Blomkvist (Daniel Craig) könnte es kaum schlechter laufen. Dank eines mit falschen Beweisen unterfütterten Artikels über den Industriemogul Wennerström hat er nicht nur eine Verleumdungsklage am Hals, sondern verliert darüber hinaus seinen guten Ruf und große Teile seines Vermögens. Am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen, wird Blomkvist vom Unternehmer Henrik Vanger angeheuert, um das Verschwinden seiner Enkelin Harriet in den 60er Jahren aufzuklären. Als Belohnung für die Arbeit winken ein großzügiges Honorar und belastende Beweise gegen Wennerström. Als die Ermittlungen immer weitere Kreise ziehen und ins Stocken geraten, erhält Blomkvist Unterstützung durch die talentierte aber komplizierte Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara).

Bis zum ersten Aufeinandertreffen der beiden Figuren lässt sich David Fincher jedoch viel Zeit. Über eine Stunde dauert es bis Blomkvist an Salanders Tür klopft und die Geschichte so richtig in Fahrt kommt. Genug Vorlauf also, um den Figuren das nötige Profil zu verpassen. Daniel Craig nimmt man die Rolle des investigativen Journalisten im ersten Moment nicht unbedingt ab. Wenn er da zu Beginn aus einer Gerichtsverhandlung stürmt, sieht er eher (allein wegen seiner Physis) nach James Bond aus. Craig gibt sich im Verlauf des Filmes alle Mühe die gedankliche Brücke zu seiner bekanntesten Rolle einzureißen und hat damit durchaus Erfolg.

Die wesentlich interessantere Figur ist jedoch Lisbeth Salander. Unangepasst, antisozial, aber unglaublich intelligent und durchsetzungsfähig. Rooney Mara vermag all diese Eigenschaften hervorragend in ihr Schauspiel einzuweben und verleiht dieser Figur durch ihren zierlichen Körperbau sogar noch eine Spur Verletzlichkeit. Ein Punkt, der für die Geschichte von zentraler Bedeutung ist. Denn nicht umsonst ist „Männer, die Frauen hassen“ die exakte Übersetzung von Larssons Romanvorlage. Die ohnehin sehr spannende Kriminalgeschichte um Harriets Verbleib entpuppt sich rasch als Sittengemälde einer durch und durch verkommenen Familie, in der Faschismus, religiöser Fanatismus und eben Gewalt gegen Frauen auf der Tagesordnung zu stehen scheinen.

Führt man sich den düsteren Grundton in Finchers bisherigen Filmen vor Augen, dann scheint der Romanstoff wie für ihn gemacht. Und der Amerikaner enttäuscht nicht. Schon die phänomenale Eröffnungssequenz mit ihrer Videoclip-Ästhetik, weist die Richtung, die Fincher für seine Version im Kopf gehabt hat. Auch der restliche Film versprüht wenig Wärme. In eiskalten, fast schon sterilen wird die schwedische Einöde präsentiert. Das ist so wirkungsvoll in Szene gesetzt, dass man meint, die Kälte würde direkt von der Leinwand in den Kinosaal kriechen. Nicht unwichtig für die Atmosphäre sind das Sounddesign und die musikalische Untermalung, für die sich einmal mehr Trent Reznor und Atticus Ross verantwortlich zeichnen. Der Soundtrack hält sich angenehm im Hintergrund, lagert sich aber wie ein dünner, eiskalter Ölfilm in den Gehörgängen ab.

Beispielhaft für die starke Atmosphäre, die Fincher durch das Zusammenspiel von Bildsprache und Sounddesign erzeugt, ist ganz sicher die Vergewaltigungsszene, die schon in der Romanvorlage für Unbehagen sorgte. Bei Finchers Umsetzung wird allerdings schon das sonore Geräusch eines Staubsaugers so unerträglich wie ein surrender Bohrer beim Zahnarzt – und da hat die Szene noch nicht mal richtig angefangen. Der eigentliche Missbrauch ist dann so hart in Szene gesetzt, dass sich der Magen unweigerlich ein Stück zusammenkrampft. Insgesamt ist Finchers Fassung deutlich härter als die dänische Verfilmung, hält sich damit aber nur noch stärker ans Buch.

Bei all dem Lob für audiovisuelle Aspekte und Umsetzung der Geschichte: Ganz ohne Kritik kommt David Fincher aber nicht davon. Durch das späte Aufeinandertreffen von Salander und Blomkvist wirkt der anschließende Annäherungsprozess fast schon zu hastig, ja stellenweise sogar überstürzt. Auch dürfte es Zuschauern ohne Romankenntnisse schwer fallen der Handlung immer hundertprozentig zu folgen. So verzichtet Fincher beispielsweise darauf das Rätsel um die gepressten Blumen aufzulösen und überhaupt ist der Epilog so wirr, dass eigentlich nur Kenner begreifen, was da eigentlich gerade los ist.

Bleibt noch die unausweichliche Frage welche Verfilmung die bessere ist. Mein Bauchgefühl tendiert eindeutig zu David Finchers Film. Die stilsichere Inszenierung spricht mich persönlich einfach mehr an, als der TV-Muff, der Oplevs Version nun mal anhaftet. So oder so sollte man dem vermeintlichen „Remake“ eine Chance geben. Denn Verblendung ist auch in seiner aktuellen Fassung ein äußerst spannender Thriller.

Erscheinungsjahr: 2012
Produktionsland: USA, Schweden, Deutschland, UK
Regie: David Fincher
Drehbuch: Steven Zaillian
Darsteller: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård u.a.

2 Gedanken zu „Verblendung

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