The Elder Scrolls V: Skyrim


Langsam entspannen sich meine Handgelenke. Wo vor wenigen Momenten enge Handschellen waren, sind jetzt nur noch langsam verblassende Druckstellen zu sehen. Mürrisch begrüßt mich eine Wache im Fischerdorf Seyda Neen. Der Geruch des Meeres und morscher Holzhütten steigt mir in die Nase. Es ist der Duft der Freiheit. Schnitt.

Vorsichtig taste ich mich durch die stockfinstere Höhle. Nur ein paar Lichtstrahlen drängen sich durch einen Bretterverschlag am Ende des Tunnels. Hinter mir höre ich noch, wie sich die tonnenschwere Bunkertür wieder schließt. Unsicher stoße ich die Brettertür auf, trete hinaus und werde von der Sonne geblendet. Blinzelnd öffne ich meine Augen. Meine Nase nimmt einen tiefen Zug von der trockenen Luft, Staub reizt die Schleimhäute. Das ist der Geruch von Freiheit. Schnitt.

Gemeinsam mit einem Mithäftling schlage ich mich durch ein ausgedehntes System aus Tunneln und Katakomben. Während an der Oberfläche ein Drache wütet, haben wir hier unten ganz andere Probleme. Wachen, Bären und Riesenspinnen wollen uns ans Leder. Nach minutenlangem Überlebenskampf zwängen wir uns durch einen Felsspalt ins Freie. Kalte Luft flutet meine Lungen, mein Atem gefriert. Und wieder: So muss Freiheit riechen.

Ob Morrowind, Fallout 3 oder nun Skyrim: Der Beginn großer Bethesda-Rollenspiele ist stets ähnlich. Ein Niemand wird in einer gigantischen Welt ausgesetzt, um ein Jemand zu werden. Und immer ist der Augenblick, in denen einen das Spiel von der Tutorial-Leine lässt, einer dieser magischen Momente, an die man sich gerne zurückerinnert. Was danach kommt ist von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Die Welt von Skyrim ist so groß wie ihre Möglichkeiten.

Zurück zu den beiden Flüchtlingen. Mein Fluchthelfer will mir noch etwas von Bürgerkrieg, Rebellion und Drachen erzählen. Könnte mein Charakter einfach so reden, er würde wohl so etwas wie „Aha, interessant, mach’s gut!“ rufen, während er einen Schmetterling am Wegesrand erspäht und ihm in die Wildnis folgt. Ein paar Schritte weiter versucht mich ein streunender Hund anzuknabbern. Zwei Schwerthiebe später stopfe ich seinen Pelz in meinen Rucksack. Ich pirsche weiter durch das Unterholz, schrecke ein paar Hirsche auf, lache sie aus und nehme dann selbst die Beine in die Hand, als sich ein Berglöwe auf mich stürzen will. Erschöpft erreiche ich das Ufer eines riesigen Sees, meilenweit ist keine Menschenseele zu sehen. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen und der Mond taucht die Szenerie in gespenstisches Licht. Mit bloßen Händen fange ich ein paar Forellen, esse sie gleich roh und lege mich dann schlafen.

Das sind nur einige meiner Stationen während der ersten zwei Stunden in Skyrim. In der Zeit habe ich noch keinen einzigen Blick auf die Karte geworfen. Warum auch? Anstatt mir Skyrim aus der Vogelperspektive anzusehen, erkunde ich dieses wilde Land lieber auf eigene Faust. Und will ich überhaupt wissen, wo ich mich genau befinde? Nein. Das nächste Abenteuer wartet vielleicht schon in der nächsten Höhle, auf der Spitze eines Berges oder sogar im nächsten Buch, welches mir von einer Legende erzählt, die prompt in meinem Tagebuch als Auftrag vermerkt wird. Ohne Plan die Welt erkunden und ihre endlosen Möglichkeiten voll ausschöpfen – das ist genau mein Ding.

In diesen Momenten, wo Skyrim mir unendliche Freiheit so perfekt vorgaukelt, wird es zum besten Spiel der Welt. Beuge ich mich aber den klassischen Mechaniken eines Rollenspiels, kann ich ja nur enttäuscht werden. Denn sobald man sich wieder in die Zivilisation begibt, die ersten Nebenmissionen für Hinz und Kunz erfüllt oder der eigentlichen Story folgt, ist Skyrim ein Rollenspiel wie jedes andere. Zwar immer noch wunderschön anzusehen, aber eben nichts Außergewöhnliches mehr. Bei Aufträgen wie „Bringe XY für mich um“ und „Besorge mir den und den Gegenstand“ stellt sich unweigerlich Routine und mangels einer gescheiten Dramaturgie auch schnell Langeweile ein. Vor allem dann läuft man Gefahr von den vielen kleinen Ungereimtheiten aus der Atmosphäre gerissen zu werden: Es ist ja schön, dass ich in jeder x-beliebigen Mine Erz abbauen kann. Aber das wird spätestens dann unglaubwürdig, wenn mir die Minenarbeiter kurz zuvor im Gespräch ihr Leid geklagt haben, aber schweigend dabei zusehen, wie ich ihren kostbaren Lebensunterhalt vor ihren Augen wegschürfe. Solchen Situationen, in denen man sich plötzlich am Kopf kratzen möchte, begegnet man im Spielverlauf öfter. Klar sind die nervig, aber oft auch unfreiwillig komisch. Wenn etwa ein Drache über mehrere Minuten von einem Braunbär in Schach gehalten wird. Man muss lernen diese Mätzchen des Spieldesigns mit Humor zu nehmen.

Überhaupt, die Drachen. Der erste echte Kampf gegen so ein Vieh war schlichtweg episch. Eine Handvoll Soldaten und mein Charakter lieferten sich einen minutenlangen Kampf mit der Riesenechse. Ein Männerchor sorgte genau für die richtige Musikuntermalung. Dieses Scharmützel war so imposant inszeniert, dass ich mir davor extra einen Speicherstand angelegt habe, den ich immer dann rauskramen werde, wenn ich wieder jemanden davon überzeugen muss, wie grandios Videospiele sein können.

In solchen Momenten ist Skyrim viel mehr als die Summe seiner Teile. Denn ganz ehrlich: Das Kampfsystem ist öde, das Levelsystem lässt sich leicht aushebeln, die NPCs verhalten sich oft saudämlich, das 0815-Fantasy-Setting ist ausgelutscht und, und, und. Wenn aber die einzelnen Teile so perfekt ineinandergreifen wie oben beschrieben, dann brummt die Skyrim-Maschine. Dann pfeife ich auf die vielen Schwächen und genieße einfach die fantastische Atmosphäre.

Es kommt wohl sowieso vor allem auf das Genießen an. Weniger auf möglichst schnelles Leveln, das Durchspielen der Hauptquest oder das Sammeln der besten Waffen und Rüstungen. So ein Opus Magnum wie Skyrim kann man ja eh nicht hundertprozentig durchspielen. Viel eher sollte man sich einfach in der Welt fallen lassen, sich das ganz eigene Abenteuer zusammenspielen und sich für ein paar Stunden aus der realen Welt verabschieden. The Elder Scrolls V: Skyrim ist Eskapismus in Reinkultur.


Entwickler: Bethesda Softworks
Plattform: PC, Playstation 3, Xbox 360
Erscheinungsjahr: 2011

Bildquelle

Ein Gedanke zu „The Elder Scrolls V: Skyrim

  1. Ach ja.. Du hast die Essenz mal wieder gut eingefangen. Skyrim ist kein Spiel mal zum schnell durchrennen. Man sollte es einfach genißeen . Es gibt so viel zu tun ( Schmetterlinge udn Glühwürmchen fangen) und zu erforschen… Einfach hinsetzen, Knöpfe drücken udn Spaß haben!

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