Dark Souls


Scheppernd sackt der Ritter in schwarzer Rüstung vor mir zusammen. Nur wenige Momente zuvor sind wir noch wie zwei Raubtiere umeinander gekreist, haben die Verteidigung des jeweils Anderen studiert und auf den entscheidenden Fehler gewartet. Ich war schneller. Gerade als mein Gegner mit seiner Axt ausholt, setze ich mit meinem Speer einen flinken Treffer. Er sinkt zu Boden, ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Längst habe ich den Überblick darüber verloren, aus wie vielen Kämpfen ich siegreich hervorgegangen bin. Die Anzahl meiner Niederlagen kenne ich aber ganz genau: 414-mal habe ich den Kürzeren gezogen. Oder besser gesagt: Wir haben den Kürzeren gezogen. Denn ich bin nicht allein, war es von Anfang an nicht. Meine Arme und Beine hängen an den Fäden eines unsichtbaren Puppenspielers.

Wer er eigentlich ist und warum er meine Handlungen kontrolliert weiß ich nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob wir dieselben Ziele haben. Nur manchmal dringt seine Stimme wie aus einer anderen Welt an mein Ohr. Wenn er dieses ominöse „Dark Souls“ verflucht und Worte in den Mund nimmt, die ich lieber nicht wiederholen möchte. Gerade zu Beginn war das oft der Fall: Wenn mich ein Gegner wiederholt in den Boden gerammt hat, wenn ich über eine Kante in den Abgrund gestolpert bin oder mir schlichtweg zu viel zugemutet wurde. Dieses Problem der Selbstüberschätzung ist eh so eine Sache. Wer weiß mit welchen Marionetten mein Begleiter sonst so hantiert, aber die müssen wohl um einiges robuster sein als ich. Ich behaupte mal, dass es keine gute Idee ist so einen frischen Gefängnisflüchtling wie mich, ohne nennenswerte Ausrüstung (den Lendenschurz und die Holzkeule zähle ich mal nicht dazu) in eine Gruppe aggressiver Untoter zu steuern. Mein Puppenspieler hat es natürlich trotzdem gemacht und ich habe den Preis dafür bezahlt. Von solchen irrsinnigen Aktionen hat er dann aber bald Abstand genommen. Er hat sich auf mich eingestellt, verstanden wie ich und diese Welt funktionieren. Kapiert, dass es dem Überleben dient wenn man auch einfachen Ratten ein Mindestmaß an Respekt entgegenbringt. Im Gegenzug weiß ich aber auch, wie sehr ich mich auf ihn verlassen kann. Er wird die Fäden nicht durchschneiden und mich allein zurücklassen. Wir stehen das gemeinsam durch. Wir sind gemeinsam gewachsen.

Mittlerweile werden Gegner von uns geschickt ausgetanzt, Attacken pariert und mit verheerenden Gegenangriffen gekontert. Es ist ein fortwährender Lern- und Übungsprozess. Jeder neue Feind verlangt nach einer neuen Taktik, womöglich sogar nach ganz spezieller Ausrüstung, um ihn bezwingen zu können. Ganz besonders trifft das auf größere Dämonen zu, die in regelmäßigen Abständen den Weg versperren. Mir fallen sofort diese zwei Gargoyles ein, die das Kirchendach in ein flammendes Inferno verwandelt haben. Oder der gigantischen Eisengolem auf dem höchsten Turm von Sens Festung. Ich erinnere mich an einen Drachen, der komplett aus Kristallen zu bestehen schien. Sie alle sind letztlich vor unseren Fähigkeiten gefallen. Einige schneller als gedacht, andere haben erst nach tagelangem Ringen klein beigegeben. Die Siege über solche Widersacher haben sich in unser beider Gehirne gebrannt. Während ich noch zitternd und erschöpft vor dem übergroßen Leichnam eines solchen Feindes stand, hörte ich nur Jubelschreie in meinem Kopf, wie sie nur jemand ausstößt, der soeben etwas scheinbar Unmögliches vollbracht hat. In diesen Momenten sind die unzähligen Tode, die im Grunde nichts anderes als Lehrgeld waren, vergessen. Was bleibt ist dieses zutiefst befriedigende Triumphgefühl.

Für anschließende Gottkomplexe bleibt trotzdem kein Platz. Zwar sind mein Strippenzieher und ich stärker geworden, unsere Gegner aber auch. Mein Körper wird nicht mehr von einem Lendenschurz, sondern von einer aufwändig gearbeiteten Goldrüstung geschützt. Den Holzknüppel habe ich gegen einen vor Elektrizität knisternden Speer getauscht. Trotzdem kann uns ein unachtsamer Moment das Leben kosten und der mühsam erkämpfte Boden gehört mit einem Schlag wieder dem Gegner. Aber genau dieser ständige Nervenkitzel treibt uns vorwärts. Ich bin ein Abenteurer und mein Verbündeter ist es im Herzen ebenso. Für ihn mag es vielleicht nur ein Spiel sein, doch wir haben dasselbe Ziel. Wir wollen wissen was am Ende auf uns wartet, wollen gefordert werden, immer weiter kommen, jeden noch so kleinen Winkel dieser gigantischen Welt erforschen. 414 Tode sind wir schon gestorben. Der 415. kommt bestimmt, aber wir werden uns gegenseitig aufhelfen und weitermachen.

Entwickler: From Software
Plattform: Playstation 3, Xbox 360
Erscheinungsjahr: 2011

Bildquelle

5 Gedanken zu „Dark Souls

  1. Mal was ganz Neues vom Schreiben her, gefällt mir aber sehr gut. Auch wenni ch zugegebener Maßen erstmal kurz gebraucht hab um zu verstehen wie das alles gemeint ist, aber das liegt wohl an mir ; P

  2. Den Vorgänger Demon’s Souls habe ich als UK-Import, noch original eingeschweißt. Ich muss die beiden unbedingt mal angehen. 2012. Jetzt hab ich Lust. Guter Beitrag, toll geschrieben.

  3. Das nenne ich mal einen guten Vorsatz! Demon’s Souls und Dark Souls sind natürlich sehr schwierige Spiele, in die man Zeit und auch Arbeit stecken muss, die sich aber wirklich, wirklich lohnen gespielt zu werden. Ich beneide dich sogar darum, dass du die beiden vollkommen neu und unbeleckt angehen kannst. Freu dich auf sehr intensive Erlebnisse!🙂

  4. Pingback: Hello Dark Souls, my old friend… | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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