Der Gott des Gemetzels

Gewalt ist keine Lösung. Schon gar nicht in unserer zivilisierten Welt. Da werden Konflikte mit Worten statt mit Prügel gelöst. Es wird vernünftig argumentiert und nicht mit Beschimpfungen herumgeworfen. Zachary Cowan sieht das anders. Er schlägt seinem Mitschüler Ethan Longstreet mit einem Stock zwei Zähne aus. Aufgrund des Vorfalls treffen sich die Eltern der beiden Streithähne um die Angelegenheit wie Erwachsene zu klären.

Eine sonderlich spannende Ausgangssituation ist das wirklich nicht, doch schon bald wandelt sich das stocksteife Gespräch zu einem pointenreichen Dialogfeuerwerk. Dass „Der Gott des Gemetzels“ eine Verfilmung des gleichnamigen Bühnenstücks von Yasmina Reza ist, macht sich vor allem in der kammerstückartigen Inszenierung bemerkbar. Das Wohnzimmer der Longstreets ist, von einigen kurzen Szenen in Bad, Küche und Hausflur einmal abgesehen, der zentrale Handlungsortund mutiert schon bald zum Schlachtfeld der beiden Parteien. Ebenfalls hat der Film die wunderbar geschliffenen Dialoge des Theatervorbilds geerbt. Die stecken voller Witz, sind temporeich geschrieben und offenbaren so manchen menschlichen Abgrund. Ohne die geeigneten Darsteller würde deren Wirkung aber verpuffen. Da trifft es sich gut, dass Roman Polanski vier ganz hervorragende Schauspieler verpflichten konnte, von denen drei sogar schon einen Oscar in der Vitrine stehen haben.

Auf der Ringseite des Opfers stehen Jodie Foster und John C. Reilly als Penelope und Michael Longstreet. Sie ist Schriftstellerin, er ein Eisenwarenverkäufer. Nancy und Alan Cowan sind die Eltern des vermeintlichen Schlägers und werden von Kate Winslet und Christoph Waltz verkörpert. Jeder der Vier liefert eine hervorragende Leistung ab, doch vor allem Waltz brilliert mit seiner Darstellung des zynischen und dauertelefonierenden Rechtsanwaltes Alan. Sein geheucheltes Interesse am elterlichen Gespräch weicht immer mehr einer ganz offensichtlichen Schadenfreude über das zunehmende Chaos. Da ist es umso passender, dass diese Rolle mit den giftigsten, aber auch witzigsten Sätzen ausgestattet wurde.

„Der Gott des Gemetzels“ bietet einen faszinierenden Blick auf vier erwachsene Menschen, die ihre gutbürgerliche Fassade mit aller Macht verteidigen wollen, sich dabei aber wie Kleindkinder aufführen. Zwar ist das ursprüngliche Problem mit einer gemeinsam verfassten Stellungnahme schon zu Beginn aus der Welt geschafft, doch schon beim anschließenden Kuchenessen schiebt sich die Schuldfrage wieder ganz subtil in den Gesprächsvordergrund. Davon ausgehend entwickelt die Situation eine Eigendynamik, der sich keiner der Beteiligten mehr entziehen kann. Obwohl immer wieder jemand zur Vernunft mahnt, wird dieser Versuch die Ordnung wieder herzustellen als Schwäche wahrgenommen und gnadenlos attackiert. Daran hat vor allem Gutmensch Penelope zu knabbern, reibt sie sich doch immer mehr am unbezwingbaren Zynismus von Alan auf. Schon bald geht es nicht mehr nur um den Streit der Söhne. Stattdessen werden Erziehungsmethoden, Lebenswandel und der soziale Status zur Zielscheibe der großen und kleinen Spitzen. Die Eskalation ist komplett als auch noch Alkohol ins Spiel kommt und paarübergreifende Bündnisse geschlossen werden, die einen Moment später schon wieder null und nichtig sind.

Das alles ist so unterhaltsam inszeniert, dass während der 79-minütigen Spielzeit einfach keine Langeweile aufkommt. Effekte, Action oder sonstigen Schnickschnack sollte man gewiss nicht erwarten. „Der Gott des Gemetzels“ ist pures Darstellerkino und lebt von der Interaktion der Figuren und den hervorragenden Dialogen, die für jede Menge tränendes Gelächter sorgen. Roman Polanski ist es gelungen das Bühnenstück auf die große Kinoleinwand zu holen und uns damit einen ganz hervorragenden Film zu bescheren.

Erscheinungsjahr: 2011
Produktionsland: Frankreich, Deutschland, Polen
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Yasmina Reza
Darsteller: Christoph Waltz, Jodie Foster, John C. Reilly, Kate Winslet

Bildquelle

Ein Gedanke zu „Der Gott des Gemetzels

  1. Pingback: Der Vorname | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s