Deus Ex: Human Revolution


Adam Jensen würde man nicht unbedingt als Menschen bezeichnen. Er kann schneller laufen, durch Wände sehen oder sich mal eben unsichtbar machen. Denn Adam ist augmentiert – vollgestopft und teilweise ersetzt durch hochkomplexe Prothesen und Implantate. Glaubt man seinem Boss David Sarif, dann ist Adam die nächste Stufe der Evolution. Dumm nur, dass Adam ohne seine Einwilligung zur Mensch-Maschine umgebaut wurde. Denn während eines Einbruchs bei Sarif Industries, einem der marktführenden Konzerne im Augmentierungssektor, wird Adam lebensbedrohlich verletzt und wacht nach einer Notoperation als Mensch 2.0 auf. Und wer könnte besser geeignet sein, den Einbruch aufzuklären als Adam Jensen unter der Kontrolle des Spielers? Der recht simple Storyaufhänger entpuppt sich serientypisch (natürlich) zu einem waschechten Cyberthriller in dem Industriespionage und globale Verschwörungen nur ein Teil des großen Ganzen sind.

Noch mehr als das ursprüngliche Deus Ex setzt sich Human Revolution mit moralischen und ethischen Konsequenzen des Transhumanismus, also der künstlichen Verbesserung des Menschen, auseinander. Im Jahr 2027 hat sich die Gesellschaft dramatisch verändert. Konzerne sind mächtiger als Nationalstaaten und kaufen mitunter ganze Städte auf, Demonstrationen gegen die neue Technologie stehen auf der Tagesordnung. Viele Menschen haben Angst vor den künstlichen Körperteilen, können sie sich nicht leisten oder befürchten gegenüber Augmentierten ins Hintertreffen zu geraten. Bei seinen Ermittlungen begegnet Adam einer Vielzahl von Personen. Einige lassen sich in echte Gespräche verwickeln, den meisten kann aber zumindest ein einzelner Satz entlockt werden. Die sich teilweise wiederholende Sprüche der Passanten fallen zwar auf, stören aber nicht sonderlich. Denn der Zweck dieser Kommentare besteht darin, ein möglichst differenziertes Bild von der Welt im Jahre 2027 zu zeichnen. Einige reagieren skeptisch bis ablehnend auf Adam, andere bewundern seine High-End-Augmentierungen. Schön: Deus Ex verzichtet darauf einen mahnenden Zeigefinger zu heben und sich auf eine Seite zu schlagen. Stattdessen ist es mir, dem Spieler, überlassen wie ich zum Transhumanismus stehe. Das Spiel haut mir auch nicht plump Argumente in Zwischensequenzen um die Ohren, sondern lädt eher dazu ein die vielen, vielen Details in der Spielwelt zu entdecken. Allein in Adams Apartment konnte ich damit 20 Minuten verbringen: Ein E-Book über die Elefantenuhr, einen der ersten Apparate der Menschheitsgeschichte, konnte ich da finden. Oder eine mit Skizzen übersäte Ecke, die direkt aus Leonardo da Vincis Studierzimmer stammen könnte. Und das Badezimmer mit seinen vielen Arzneimittelpackungen und dem zertrümmerten Spiegel. Allein die Wohnung verrät mehr über Adams Innenleben, als es eine schnöde Zwischensequenz je könnte. Diese Detailfülle reißt über den gesamten Spielverlauf nicht ab. Ich kann zu jeder Zeit entscheiden wie tief ich in die Welt vordringe, welche E-Mails, E-Books oder Zeitungen ich lese: Alles kann, nichts muss.

Das gilt serientypisch natürlich auch für das Spieldesign selbst. Größtenteils steht es mir frei wie ich die Missionen bewältige. Vorher beim örtlichen Waffenschmuggler mit Munition und Upgrades für Waffen eindecken und einfach jeden Gegner ungefragt über den Haufen schießen? Die Möglichkeit gibt es. Der Königsweg ist jedoch die stille und heimliche Vorgehensweise, die sogar mit mehr Erfahrungspunkten belohnt wird. Man wird sich so in unzähligen Lüftungsschächten herumtreiben, an Gegnern vorbeischleichen, oder sie mit einem K.O.- Schlag ins Cybertraumland schicken. Oft lassen sich sogar brenzlige Situationen mit geschickter Gesprächsführung entschärfen. Ganz hervorragend fand ich die Möglichkeit, dass ich Deus Ex: Human Revolution durchspielen kann, ohne einen Gegner umzubringen. Zumindest was die Standardgegner betrifft, denn in den vereinzelten Bosskämpfen darf nur einer (im Idealfall Adam) die Arena lebend verlassen. Hmpf.

Über Adams freischaltbare Augmentierungen lässt sich der jeweilige Spielstil perfektionieren. Soll er im Feuergefecht mehr aushalten und austeilen, lohnt es sich in einen besseren Schutz vor Kugeln und in ruhigere Hände beim Zielen zu investieren. Will man hingegen Konfrontationen meiden, bietet sich eine Ganzkörpertarnung oder lautloses Rennen und Springen an. Ergänzt wird das vielfältige Angebot durch eher allgemeine Verbesserungen wie bessere Hackingfähigkeiten oder die Möglichkeit, den Gesprächspartner mit Pheromonen zu beeinflussen.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie sehr mich das Design der Welt in Deus Ex: Human Revolution beeindruckt hat? Schande, denn das ist tatsächlich eine der größten Stärken. Wäre die Hausaufgabe eine fiktive Welt möglichst glaubwürdig darzustellen, dann würde Human Revolution mit einer 1+ samt Bienchen im Muttiheft nach Hause gehen. Dabei bedient es sich eines so simplen wie effektiven Tricks. Die Welt ist nicht zu fiktiv, sondern vermittelt auch durchweg ein vertrautes Gefühl. Nehmen wir zum Beispiel die Autos im Jahre 2027. Die haben zwar immer noch vier Räder und bewegen sich auf Straßen fort, erinnern in ihrem Design aber an Zukunftsstudien eines Automobilherstellers. Selbst in den kleinsten Innenräumen zelebriert Deus Ex dieses Aufeinandertreffen von Realität und Fiktion. Rustikale Holzmöbel treffen auf künstlich-kühle Boden- und Deckenbeleuchtung. Aalglatte Metallbauten ragen zwischen schmuddeligen Häuserfronten in den Nachthimmel. Untermalt, oder besser gesagt übermalt, wird dieses Zukunftsgemälde von einem omnipräsenten Goldfilter, der Human Revolution seinen ganz eigenen Look.

Allgegenwärtig ist auch die große Frage, was den Menschen denn überhaupt zum Menschen macht und wie weit er eigentlich gehen darf. Darf ich die fast vollkommen augmentierten Bossgegner überhaupt noch als Menschen wahrnehmen? Oder sind Augmentierungen nicht einfach nur der nächste logische Schritt in der menschlichen Evolution? Deus Ex: Human Revolution nimmt sich, die Thematik und vor allem den Spieler ernst. Finale Antworten darf man nicht erwarten, die braucht es auch gar nicht. Am Ende stand ich da mit meinem vollaugmentierten, pazifistischen Schleich-Adam. „Am I more than human or less? “, fragt er sich und ist genauso ratlos wie ich. Die Zukunft mag vieles sein, einfach ist sie aber ganz sicher nicht.

Entwickler: Eidos Montreal
Plattform: PC, Playstation 3, Xbox 360
Erscheinungsjahr: 2011

Bildquelle

2 Gedanken zu „Deus Ex: Human Revolution

  1. Toll toll toll toll!
    Endlich ist dieser Eintrag da. Lange lange gewartet. Noch schöner ist es ihn zu lesen mit dem Bild vor den Augen wie du an manch einer Etappe des Spieles verzweifelt hast ; )

  2. Harhar, ja war schon längst überfällig! Die erwähnte Stelle war aber rückblickend tatsächlich der kniffligste Moment im ganzen Spiel.

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