The Tree Of Life

Dienstag, 14. Juni 2011, 20:05 Uhr, Programmkino Ost. Vorpremiere von The Tree Of Life. Auf das, was in den kommenden 138 Minuten auf der Leinwand passiert, hätte mich kein Trailer der Welt vorbereiten können. Terrence Malicks fünfte Regiearbeit innerhalb von 38 Jahren ist vielleicht das ungewöhnlichste Stück Zelluloid seit Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum. Selbst nach drei Seiten Worddokument, lässt mich das Gefühl nicht los, nur an der Oberfläche dieses riesigen Films gekratzt zu haben. Aber der Reihe nach. Worum geht es eigentlich?

Es gibt zwei Wege durch das Leben: Den Weg der Gnade und den Weg der Natur. Ersterer zeichnet sich durch Selbstlosigkeit und Barmherzigkeit aus. Weit weniger uneigennützig ist der Weg der Natur: Egoismus und Gnadenlosigkeit gehen Hand in Hand und entsprechen dem, was man gemeinhin unter Survival of the Fittest versteht. Und das Motiv der zwei Wege zieht sich durch den gesamten Film.

Als Ankerpunkt dient Jack, ältester Sohn der amerikanischen Mittelklassefamilie O’Brien. Wir lernen Jack als erwachsenen Mann (Sean Penn) kennen. Jack ist mittlerweile ein erfolgreicher Architekt und irrt innerlich zerrissen durch Schluchten und Gänge steril-moderner Bauten. Der Zuschauer folgt Jack auf einem Erinnerungstrip durch seine Kindheit: Man begleitet seine Geburt, sieht ihn bei den ersten Gehversuchen zu, erste Erfahrungen mit Liebe und Tod machen und schließlich den aufkeimende Widerstand gegen die strenge Hand seines Vaters. Der junge Jack (Hunter McCracken) ist hin- und hergerissen zwischen den Lebensphilosophien von Mutter (Jessica Chastain) und Vater (Brad Pitt). Beide verkörpern jeweils einen der beiden Wege: Die Mutter folgt und lebt mit ihrer fürsorglichen, selbstlosen Art den Weg der Gnade. Jacks Vater hingegen wandelt auf dem Weg der Natur – er ist der Herr des Hauses und bläut seinen Söhnen immer wieder ein, dass man hart sein muss, um durch das Leben zu kommen. Bis hierhin mag das nach einem gewöhnlichen Coming-Of-Age-Plot klingen. Im Film ist die Handlung jedoch nicht so stringent wie hier dargestellt.

The Tree of Life verwirrt

Der Aufbau von Malicks Epos sorgt so einige Male für eine gerunzelte Stirn. Wer ausgehend vom Trailer glaubt, dass The Tree Of Life als Drama über eine amerikanische Mittelklasse-Familie der 50er Jahre angelegt ist, der wird ohne Zweifel vor den Kopf gestoßen. Denn dieser Teil ist eigentlich nur ein Puzzlestück im großen Ganzen. Der Filmtitel deutet es schon an: Terrence Malick will das ganz große Mysterium ergründen: Die Schöpfung selbst. Und dafür geht der Regisseur bis zum Ursprung allen Lebens zurück. Nachdem der Film in den ersten 15 Minuten noch den Trailer-Erwartungen entspricht, findet man sich plötzlich in einer gut 20-minütigen Sequenz über die Entstehung des Lebens wieder. Wir sehen den Urknall, die Entstehung der Erde, das Blubbern der Ursuppe. Wir erklimmen die Evolutionsleiter, angefangen bei Einzellern, über die ersten Meerestiere bis hin zu den Dinosauriern, deren Schicksal kurze Zeit später durch einen Meteoriten besiegelt wird. Mit diesem harten Bruch zur bisherigen Erzählweise stellt Malick sein Publikum auf die Probe – zumindest konnte man deutliches Gemurmel im Kinosaal wahrnehmen. Auch im weiteren Verlauf sorgt The Tree Of Life für hochgezogene Augenbrauen. So sind die Kindheitsszenen des Mittelteils eher fragmentarisch angeordnet und werden dabei schon mal von Weltraumbildern unterbrochen. Und die surreale Traumsequenz am Ende, bei der Sean Penn zu sakralen Chorgesängen durch eine felsige Wüstenlandschaft taumelt, ist eine Garantie für verdutzte Publikumsgesichter. Kurz: Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich den Film und insbesondere das Ende hundertprozentig verstanden habe, aber trotzdem:

The Tree of Life verzaubert

Denn bei all diesen diskussionswürdigen Momenten ist der Film vor allem eins: Wunderschön. Dabei macht es keinen Unterschied ob Malick nun gerade den Kosmos oder das Familienleben der O’Briens auf die Leinwand bringt. The Tree of Life ist mit seiner Flut an betörenden Bildern ein visuelles Meisterwerk. Naturaufnahmen nehmen dabei einen Großteil des Films in Anspruch: Oft fühlt man sich an eine Dokumentation des Discovery Channels erinnert. Und immer wieder lässt Malick seine Protagonisten durch diese prächtigen Naturpanoramen wandeln. So bringt er den zutiefst menschlichen Weg der Gnade mit dem Weg der Natur auch auf der Leinwand zusammen. All dies wird von einem Soundtrack untermalt, der aus klassischer Musik und Chorgesängen besteht. So begleitet etwa „Die Moldau“ von Friedrich Smetana das Heranwachsen der drei Söhne. Nicht weniger beeindruckend sind die Leistungen der Schauspieler, allen voran Brad Pitt als Mr. O’Brien und Hunter McCracken als junger Jack O’Brien.

Pitts Mr. O’Brien ist der Weg der Natur – hart und gnadenlos. Auf der anderen Seite lässt die Figur des Vater aber auch anklingen, dass der Weg der Natur nicht per se schlecht ist: Immer wieder trichtert Mr. O’Brien seinen Kindern ein, dass man alles im Leben erreichen könne, wenn man sich nur anstrengt. Dieser unbedingte Wille zu Leistung spiegelt sich auch in den Erwartungen Mr. O’Briens an seine Söhne wieder, unter denen vor allem Jacks jüngerer Bruder, der eher dem barmherzigen Ideal der Mutter entspricht, zu leiden hat. Mr. O’Brien duldet keine Widerworte am Essenstisch und lässt sich aus Prinzip mit „Sir“ anreden. Trotz dieser vielen negativen Charakterzüge, schlummert unter der Oberfläche dieser Figur, eine enorme Tragik: Mr. O’Brien hatte früher den Wunsch ein großer Musiker zu werden, ließ sich aber, wie er selbst sagt, von diesem Ziel ablenken. Trotzdem klammert sich Brad Pitts Figur weiter am amerikanischen Traum fest. Mr O’Brien will im Grunde nur, dass seinen Kindern nicht das gleiche Schicksal wie ihm wiederfährt – er weiß es einfach nicht besser.

Noch viel interessanter wird diese Figur aber immer dann, wenn sie mit dem ältesten Sohn Jack aneinander gerät. So wie Mutter und Vater in Jacks Brust ringen, so zwiespältig ist auch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn: Jack hat Angst vor seinem Vater und kann (wie jeder andere) seinen Erwartungen nicht gerecht werden. Zwar ist Jack irgendwann davon überzeugt, dass sein Vater ihn hasst, doch wandelt sich diese Illusion später in Hass auf den Vater selbst. Und doch sieht Jack davo ab, konsequent gegen seinen Vater vorzugehen. Stattdessen widmet er sich mit ihm zusammen der Gartenarbeit. Die innere Zerrissenheit Jacks begleitet ihn durch die gesamte Kindheit. Erst muss sein sanftmütiger Bruder als Ventil herhalten, später sogar die eigene Mutter. Jungdarsteller Hunter McCracken dürfte man nicht das letzte Mal gesehen haben, denn er spielt seinen Jack O’Brien als wäre es das natürlichste der Welt. Selbiges gilt auch für seine beiden Filmbrüder. Die Kindheitsszenen zählen gerade wegen ihrer Authentizität zu den Höhepunkten des Films.

Jessica Chastain verkörpert mit ihrer Figur der Mrs. O’Brien einen deutlichen aber von vornherein unterlegenen Gegenpol zu Brad Pitts Figur. Die engelsgleiche Mutterfigur, kommt nie von ihrem Weg der Gnade ab und versucht auch ihre drei Jungen nach diesem Vorbild zu erziehen. Freilich ist dies, gerade in Anbetracht der Rolle der Frau in den 50ern, zum Scheitern verurteilt. Gegen Mr. O’Briens Herrschaft kommt sie einfach nicht an. Bezeichnend dafür ist eine Szene, als der Vater auf Geschäftsreise ist: Kurz nachdem er weg ist, kommt die Lebensfreude in die vier Wände der O’Briens zurück. Erst durch das Fernbleiben der väterlichen Strenge können sich die Mutter und ihre drei Söhne wirklich entfalten.

The Tree of Life polarisiert

Man liebt es oder man hasst es. Selten war dieser Satz so treffend wie im Falle von The Tree Of Life. Bei den Filmfestspielen von Cannes soll der Film während der Vorstellung ausgebuht worden sein und hat dennoch die Goldene Palme gewonnen. Malicks Epos wird auch fernab von Cannes das Publikum spalten. Leute, die sich ihre Kinokarte nur wegen Brad Pitt und/oder Sean Penn gekauft haben, werden höchstwahrscheinlich bitter enttäuscht. Trotz dieser beiden prominenten Schauspieler, ist The Tree Of Life kein Mainstreamfilm, sondern ein Kunstfilm durch und durch. Die Schnitte, die Kameraeinstellungen, die Erzählweise – das alles ist äußerst unkonventionell bis experimentell. Verschärft wird das noch durch das langsame Tempo. Oft fragt man sich, warum Malick unbedingt diese oder jene Szene überhaupt so in sein Opus einbauen musste.
Ganz sicher kann man dem Film auch vorwerfen, dass er eine Menge heiße Luft verschießt. Die Schöpfungssequenz, das spirituell-mystische Ende, die flüsternden Stimmen von Jack und Mrs. O’Brien aus dem Off und die sakralen Gesänge: Böse Zungen würden das unter der Kategorie „Aufgeblasener Kunstquatsch“ verbuchen. Und ich bin geneigt dem in einigen Punkten zuzustimmen. Brauchte der Film diese bedeutungsschwangeren, geflüsterten Botschaften aus dem Off? Dass der Film auch ohne sie funktioniert hätte, steht für mich außer Frage.
Das Ende, so seltsam es auch anmuten mag, ist dann im Grunde nur noch konsequent. Für den einen mag es esoterischer Blödsinn sein, für den anderen ist es einfach eine riesengroße Wagenladung Pathos. Der verhaltene Applaus am Ende, klang ohnehin mehr nach Erleichterung als nach Lob.
Weiterhin kann man bemängeln, dass The Tree Of Life einfach ein gigantischer, hübsch anzusehender Schnipselhaufen ist. Allerdings darf man nicht vergessen, dass man es mit Jacks Erinnerungen zu tun hat – die fragmentarische Anordnung der Bilder macht also durchaus Sinn. Doch bei allen negativen Aspekten kann man Malicks Werk eines ganz sicher nicht absprechen:

The Tree of Life ist ein Erlebnis

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss dass es im Grunde völlig unerheblich ist, ob man The Tree of Life wirklich vollkommen verstanden hat. Vielleicht ist im Falle von Malicks Film der Weg das Ziel. Schon allein der Versuch die Schöpfung und das Leben erklären zu wollen ist so größenwahnsinnig, dass der Film eigentlich nur daran scheitern kann.
Und trotzdem: selten ist mir ein Film noch so lange im Kopf herumgegeistert. Auch wenn ich persönlich gegen Ende komplett überfordert war und mich mit Sean Penns Traumwelt nicht mehr hundertprozentig anfreunden konnte, so haben sich die dazugehörigen Bilder trotzdem in meinen Kopf gebrannt. Und die endgültige Bedeutung der exzessiv genutzten Tür-Metaphorik wird mir ebenso verschlossen bleiben. Was jedoch bleibt, ist die Gewissheit einen der ungewöhnlichsten Filme seit langem gesehen zu haben. Es ist unerheblich, ob man jedes kleine Detail entschlüsselt – auf das Erleben dieses intensiven Musik- und Bilderrauschs kommt es an. Schon allein das mutige Vorhaben so einen überlebensgroßen Film zu drehen verdient Bewunderung.
Auf die Frage ob der Film zu empfehlen ist, kann ich nur mit einem Schulterzucken antworten. The Tree Of Life verlangt seinem Zuschauer einiges ab: Geduld, Verständnis, Aufgeschlossenheit und nicht zuletzt eine gehörige Portion Sitzfleisch. Aber bereut habe ich es nicht.

Erscheinungsjahr: 2011
Produktionsland: USA
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Darsteller: Brad Pitt, Hunter McCracken, Jessica Chastain, Sean Penn, u.a.

Ein Gedanke zu „The Tree Of Life

  1. Ein erlebnis auf jeden Fall, schon einfach den Film zusammen durchzustehen war ein sehr reichhaltiges Erlebnis; )
    Und auch wenn ich Teils wütend war den Film zu sehen weil so schwerwiegende Gefühle so- meines Empfindens nach- maßlos reduziert und ja…märchenhaft dargestellt wurden.. Trotzdem kann man sagen, dass das schöne, reichhaltige Bilderbuch verbindet; )

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