Super Meat Boy


Machen wir uns nichts vor: Japanische Spieleentwickler ticken anders als der Rest der Welt. Ein Beispiel gefällig? Seit 20 Jahren rettet ein italienischer Klempner eine Prinzessin aus misslichen Lagen. Angefangen hat alles mit ihrer Entführung durch einen Fässer werfenden Riesenaffen. Später ließ sich die Prinzessin andauernd von einer mutierten Riesenschildkröte verschleppen. Klar, dass der tapfere Rohrverleger immer zur Stelle war. Auf dem Weg zu seiner Angebeteten sprang er Gegnern auf den Kopf und stopfte Pilze oder Blumen in sich hinein. Klingt abgedreht? Ist es auch! Aber dieses skurrile Szenario ist die unendliche Geschichte eines Klassikers der Videospielgeschichte: Super Mario.

Was das alles mit der Überschrift zu tun hat? In Super Meat Boy geht es nicht weniger abgedreht zu: Der Spieler verkörpert Meat Boy. Ein Stück Fleisch, oder wie die Entwickler von Team Meat selbst sagen: Ein Junge ohne Haut. Meat Boy steht vor dem gleichen Dilemma wie sein italienischer, hauttragender Kollege: Seine Freundin Bandage Girl wurde vom bösen Dr. Fetus entführt und auch für Meat Boy ist es sonnenklar, dass er zu ihrer Rettung eilen muss.

Zugegeben, Jump’n’Runs waren noch nie für ihre grandiosen Geschichten bekannt. Aber Super Meat Boy bricht das Konzept von Super Mario auf dessen kleinste Bestandteile herunter: Ein Held, ein Bösewicht und am Ende die Prinzessin. Dazwischen: Unendlich viele Möglichkeiten den virtuellen Löffel abzugeben. Und diese Schätzung ist im Fall von Super Meat Boy nicht mal übertrieben.

Denn in den über 300 Level bekommt es Meat Boy unter anderem mit Kreissägen, Salz, Ventilatoren und (natürlich!) Lava zu tun – Dinge eben, die die Lebensdauer eines saftigen Fleischstücks rapide verkürzen. Um überhaupt eine Chance zu haben, ist der rote Held aber rasend schnell und kann an Wänden hinabrutschen, um diese als nächsten Sprungpunkt zu benutzen. Wer zuhause mal ein rohes Steak an die geflieste Badwand schleudern möchte und sich vorstellt, dass es ihm zurück in die Arme hüpft, der hat einen ziemlich guten Eindruck von Meat Boys Bewegungsabläufen.

Moment mal, über 300 Level? Wer soll die bitte spielen? Keine Panik: Für den Großteil der Levels sind nur wenige Sekunden vonnöten. Aber in der Kürze liegt bekanntlich die Würze. Während die ersten paar Stufen noch spielend leicht von der Hand gehen, so dürfte spätestens im zweiten Kapitel klar sein, dass der Tod in Super Meat Boy ein ständiger Begleiter ist. Macht man Bekanntschaft mit einer der vielen Fallen darf man von vorn beginnen.

Das klingt auf dem Papier ziemlich spaßtötend, ist aber in der Praxis ein wahrer Motivationsstrudel. Dank der (vor allem mit Gamepad) extrem präzisen Steuerung ist Super Meat Boy nie unfair. Jeder Bildschirmtod lässt sich ohne weiteres nachvollziehen. Auch der Umstand, dass zwischen Tod und Wiedergeburt des flitzenden Fleischjungen nur ein Lidschlag vergeht, bewahrt Team Meats Platformer davor, zu einer einzigen Frustorgie zu verkommen.

Jeder neue Anlauf ist ein Schritt näher an die Perfektionierung des jeweiligen Parcours. Während man zu Beginn schon mal an der Machbarkeit eines Levels zweifelt, vollführt man nach einigen Versuchen eine wahre Choreographie aus Sprints und Sprüngen. Es ist verdammt faszinierend, wenn man den sympathischen Fleischklops nach vielen Versuchen wie in Trance durch ein anfänglich schier unlösbares Level lotst. Das gesamte Ausmaß des andauernden Sterbens offenbart sich dann schließlich im Replay des überstandenen Levels: Alle gescheiterten Meat Boys hüpfen simultan über den Bildschirm und scheitern erneut an den vielen Fallen – eine ungewöhnliche, aber sehr witzige Belohnung.

Super Meat Boy ist ein herrlich schräges und beinhartes Jump ’n’ Run in seiner reinsten Form. Springen und Rennen. Immer und immer wieder von vorn, mehr braucht es nicht. Auch keine Gegner, denn in Super Meat Boy ist das Level der Gegner. Und hat man den erstmal bezwungen, feiern die Glückshormone Fasching – über 300 Mal.

Entwickler: Team Meat
Plattform: Xbox 360, PC (Steam)
Erscheinungsjahr: 2010

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2 Gedanken zu „Super Meat Boy

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