Four Lions

Die Anschläge vom 11. September 2001 jähren sich in absehbarer Zeit zum zehnten Mal. Da stellt sich so langsam die Frage, ob man denn mittlerweile darüber Witze machen kann, ohne sofort von der Gesellschaft verstoßen zu werden. Regisseur Chris Morris setzt mit seiner Satire Four Lions eine Duftmarke, die ausdrückt: Man MUSS sogar darüber lachen können. Anstatt aber stumpf den islamischen Terrorismus durch den Kakao zu ziehen und lächerlich zu machen, hat Morris viel mehr aus seinen Four Lions gemacht.

Hinter den titelgebenden Four Lions stecken Omar, Barry, Waj & Faisal. Auch wenn die vier englischen Möchtegern-Terroristen durch ihren islamischen Glauben vereint sind, stellt jeder eine eigene Persönlichkeit dar. Omar ist mit seinem zielstrebigen Verhalten der Kopf der Gruppe – und gleichzeitig der einzige, dem man zutraut ein Butterbrot schmieren zu können, ohne sich dabei selbst zu verletzen.
Barry, ein konvertierter Engländer, versteht es meisterhaft die Lehren des Korans zu verbiegen. Ausgerechnet Barry ist durch seine unerschütterliche Überzeugung radikaler als alle anderen Gruppenmitglieder zusammen.
Waj und Faisal haben gemeinsam, dass sie zwei linke Hände besitzen. Während Waj seine Dummheit immer wieder lautstark unter Beweis stellt und für die größten Lacher sorgt, ist Faisal eher der stille Typ, der es sich in den Kopf gesetzt hat, aus Krähen fliegende Selbstmordattentäter zu machen.

Diese Gruppenkonstellation sorgt zwangsweise für eine ganze Reihe urkomischer Situationen. Etwa wenn die kleine Terrorzelle diskutiert, welches Ziel sich am besten für einen Anschlag eignet: Barry ist felsenfest davon überzeugt, dass eine Moschee(!) das ideale Anschlagsziel wäre, weil dadurch alle gemäßigten Moslems radikalisiert würden. Für Faisal ist hingegen sonnenklar, dass die Sprengung einer Apotheke am ehesten im Sinne des Dschihad wäre. Immerhin werden dort Kondome verkauft, die Muslime dazu verleiten mit ungläubigen Frauen zu schlafen. Ebenfalls großartig sind Barrys Versuche die Terrorzelle vor den Augen der Staatsmacht zu verbergen. Da werden nicht nur SIM-Karten gegessen, nein, da wird auch kopfwackelnd auf die Straße gegangen, um mögliche Fotografien des Gesichts unbrauchbar zu machen.

Nun könnte man annehmen, dass der Film darauf abzielt Terroristen lächerlich zu machen, doch weit gefehlt. Ganz im Sinne einer gut gemachten Satire, kommt die Kritik neben der Komik nicht zu kurz. Was in vielen Szenen deutlich wird, ist die Ahnungs- und Planlosigkeit der vier Männer: Omar redet zwar ständig davon es der westlichen Mc-Donalds-Konsumgesellschaft heimzuzahlen, was er darunter wirklich versteht bleibt offen.
Anstatt aber nur dem Terrorismus den Spiegel vorzuhalten, zeigt Regisseur Chris Morris auch die verzerrte Fratze der paranoiden Post-9/11-Gesellschaft. Denn ausgerechnet der Omars friedfertiger Bruder gerät in das Visier der Terrorfahndung. Mit seiner strenggläubigen Art, dem Kleidungsstil und typischen Bart ist er nämlich in den Augen der westlichen Welt das Paradebeispiel für einen islamischen Terroristen.
Damit gelingt Four Lions ein bemerkenswerter Spagat: Zwar lacht man aus vollem Herzen über die verblödeten Versuche der potenziellen Massenmörder, spürt dabei aber immer ein feines, unmerkliches Stechen in seinem Zwerchfell, das von Morris’ kluger Kritik herrührt.

Chris Morris hat mit Four Lions einen Film gedreht, dem man Parallelen zu Stanley Kubricks Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte die Bombe zu lieben, nicht absprechen kann. Wie Kubricks bissiger Kommentar zum Kalten Krieg, gelingt es Morris das nach wie vor brisante Thema Terrorismus satirisch so aufzubereiten, dass trotz all der Lacher der kritische Aspekt nicht zu kurz kommt. Four Lions wartet mit einem Humor so schwarz wie Faisals Selbstmordkrähen auf und kümmert sich herzlich wenig um Political Correctness. Kompromisslos und zum Brüllen komisch.

Erscheinungsjahr: 2010
Produktionsland: Großbritannien
Regie: Chris Morris
Drehbuch: Chris Morris, Jesse Armstrong, Sam Bain
Darsteller: Nigel Lindsay, Riz Ahmed, Kayvan Novak, Adeel Akhtar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s