District 9

Preisfrage: Was haben Außerirdische mit Zombies, Nazis und Terroristen gemeinsam? Richtig! Aliens sind ein gern genutztes Feindbild der Filmindustrie. Wegen ihres oft entmenschlichten Erscheinungsbildes eignen sie sich ja auch besonders gut für diese Rolle. Dazu kommt die meist einseitige Freizeitgestaltung des handelsüblichen Außerirdischen: Raumschiffbesatzungen durch dunkle Korridore jagen, mit Marines im Dschungel Verstecken spielen oder einfach mal die nächst beste Metropole dem Erdboden gleichmachen. In Neill Blomkamps District 9 sieht die Sache aber ganz anders aus.

Seit gut 20 Jahren schwebt ein gigantisches Raumschiff über Johannesburg. Die Besatzung: Eine außerirdische Rasse, die mit ihrem Aussehen an Garnelen auf zwei Beinen erinnert und daher von den Johannesburgern schnell nur noch „Prawns“ (dt.: Garnelen) genannt wird. Nachdem sich herausstellt, dass die Aliens dank ihres beschädigten Raumschiffs wohl nicht so schnell von der Erde verschwinden, wird eine eigene Zone für die Prawns eingerichtet, die sich aber zügig in einen schmutzigen Slum verwandelt – den District 9. Die Aliens sind in brüchigen Wellblechhütten untergebracht, geraten häufig mit ihren menschlichen Nachbarn aneinander und durchwühlen auf der Suche nach Nahrung die vielen Müllberge der Zone. Kurz: Die Prawns leben im Dreck und werden auch genauso behandelt.

Um die explosive Situation zwischen Mensch und Alien zu entschärfen, wird der einfältige Schreibtischhengst Wikus van de Merwe mit der Aufgabe betreut, die Prawns in eine neue Zone, inmitten der südafrikanischen Pampa, umzusiedeln. Vom Zuschauer begleitet, gerät van de Merwes Arbeitstag allerdings ziemlich schnell außer Kontrolle…

Mit einer fast schon peniblen Liebe zum Detail zeichnet Blomkamp sein schmutziges Portrait von Johannesburg und insbesondere dem titelgebenden District 9. Durch Dokumentarfilmaufnahmen, Interviews mit Ethno- und Soziologen sowie anderen Experten wird dem Zuschauer, vor allem zu Beginn, eine ungeheuer dichte und realistische Atmosphäre vermittelt. Mehrfach springt Blomkamp zwischen wackeligen Handkamera-Aufnahmen, Interviews, Nachrichtensendungen und klassischer Kameraführung hin und her, um das Leid der Aliens in Bilder zu fassen. Die Art der Inszenierung ist einer der Hauptgründe dafür, dass man die Aliens nicht als Aliens wahrnimmt, sondern als eine unterdrückte Minderheit.

Neben diesem sozialkritischen Ansatz, zeichnet sich District 9 auch durch das Fehlen einer echten Identifikationsfigur aus. Zwar ist Wikus van de Merwe der Dreh- und Angelpunkt der Handlung, ein echter Held ist er aber nicht. Beispiel: In einer Szene versteckt er sich feige hinter seinem bewaffneten Bodyguard, als einer der Prawns nicht allzu begeistert von der Umsiedlungsaktion ist. Wenige Momente später tötet er heranwachsende Aliens in einer Brutstätte und grinst dabei voller Stolz in das Kameraobjektiv, während noch die Todesschreie der Alienembryos im Hintergrund zu hören sind.
Vor allem in diesen Szenen positioniert sich der Zuschauer eher auf der Alien- als der Menschenseite. Dennoch handeln die Prawns aus ebenso egoistischen Motiven wie ihre unfreiwilligen Gastgeber. Ihr Nachteil besteht schlicht darin, dass sie den Menschen nichts entgegenzusetzen haben.

Ein Lob gebührt der überzeugenden Darstellerriege, die sich aus gänzlichen unbekannten Gesichtern zusammensetzt. Allen voran Sharlto Copley als Wikus van de Merwe, überzeugt mit seiner Darstellung des naiven Schreibtischsklaven, der sich eher widerwillig, aber glaubwürdig zum verbissenen Überlebenskämpfer entwickelt.

Ein weiterer Punkt darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben: Die Effekte. Nur in sehr wenigen Momenten sieht man den Aliens ihre Computerherkunft an. Ansonsten fügen sich die Prawns aber perfekt in die reale Umgebung ein. Man vergisst förmlich die Tatsache, dass es sich bei den Prawns um CGI-Wesen handelt. Vor allem die Nahaufnahmen machen das deutlich: In den Gesichtern lassen sich problemlos Gefühle wie Angst oder Wut ablesen, während die prawnschen Beißwerkzeuge ohne Pause vor sich hin klackern. Hut ab!
Das beeindruckt umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass District 9 mit einem vergleichsweise kleinen Budget von schlappen 30 Millionen Dollar auf die Beine gestellt wurde. Der Umstand, dass sich Blomkamp auf Produzent Peter „Lord of the Rings“ Jackson und seine Effektschmiede Weta Digital verlassen konnte, ist daran wohl nicht ganz unschuldig.

Einen Wermutstropfen hat District 9 dennoch. Nachdem Blomkamp in den ersten beiden Dritteln des Films vorbildlich mit sozialkritischen Momenten spielt und damit an die Apartheid in Südafrika erinnert, so verstrickt er sich im letzten Drittel in brachiale Actionsequenzen. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Auch dieser Teil des Films überzeugt durch fabelhafte Schauwerte. Vor allem der finale Kampf zwischen einem wunderschön animierten Alien-Mech und einem Trupp Soldaten weiß zu begeistern. Es drängt sich aber der Eindruck auf, dass Blomkamp mit diesen Szenen nur noch einmal möglichst viele Soldaten platzen lassen wollte. Blöd, dass in diesem Actionfeuerwerk, die sonst so hervorragend eingewobene Sozialkritik zu Asche zerfällt. Zusätzlich dazu übernehmen traditionelle Kamerafahrten die Oberhand – Wackelkamera und Dokumentaraufnahmen stoßen eben genau hier an ihre Grenzen.

Trotz dieses verzeihbaren Makels bleibt District 9 ein überaus sehenswerter und intelligenter Science-Fiction-Film. Blomkamp bricht allein schon mit der Wahl Johannesburgs als Handlungsort die gängigen Konventionen des Genres. Wer also genug vom ausgelutschten Klischee des bösen, menschenfressenden Aliens hat, dem sei Neill Blomkamps Debüt wärmstens empfohlen.

Erscheinungsjahr: 2009
Produktionsland: USA, Neuseeland, Kanada, Südafrika
Regie: Neill Blomkamp
Drehbuch: Neill Blomkamp, Terri Tatchell
Darsteller: Sharlto Copley, Jason Cope, David James, Les Feldman, u.a.

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