Gisbert zu Knyphausen – Hurra! Hurra! So nicht.

Schon ein Blick auf das Cover der neuen Platte „Hurra! Hurra! So nicht.“ legt die Vermutung nahe, dass sich bei Gisbert zu Knyphausen etwas geändert haben könnte. Die Farbgebung erinnert in ihrer Schwärze geradewegs an eine Negativaufnahme des Debüts. Schön anzusehen ist die Zeichnung  trotzdem, bricht sie den Inhalt der Platte doch auf die beiden Hauptdarsteller herunter: Gisbert und seine Gitarre.

Sicherlich sind auch die Lieder auf „Hurra! Hurra! So nicht.“ mal mehr, mal weniger bandlastig arrangiert. Die Hauptarbeit stemmt aber nach wie vor Knyphausen selbst. Von plötzlicher Vereinsamung kann also keine die Rede sein. Der Grund für die dunkle Farbgebung ist nämlich ein anderer:
Zwar haut uns der halblärmende Opener „Hey“ noch die Gisbertsche Unbeschwertheit eimerweise um die Ohren, doch steckt in den meisten der elf Lieder eine für Knyphausen-Verhältnisse ungewohnt deutliche Melancholie.
Wie bei „Seltsames Licht“ etwa, das mit leichtem Schritt und schwerem Gemüt die von „Hey“ zurückgelassenen Scherben zusammenfegt.
Die einfachen Worte waren schon immer Gisbert zu Knyphausens größte Stärke. Wer braucht schon aufgeblasene Metaphern, die eh keiner versteht? Mit dieser Maxime hob er sich 2008 einerseits wohltuend von Musikerkollegen der Hamburger Schule ab und mutierte andererseits zum Liebling des Feuilletons.
Und dennoch: Abgehoben oder gar besserwisserisch war Gisbert zu Knyphausen auf seinen Platten noch nie. So jemand ist dann eben auch nicht um unbekümmerte Zeilen à la ‚Wie soll’s jetzt weitergehen? Das weiß ich doch auch nicht!‘ („Grau, grau, grau“), verlegen.
Authentizität ist ebenfalls so ein Wörtchen was sich Knyphausen auf die Flagge geschrieben hat: Den Beweis erbringt er mit dem nüchtern-schmerzlosen Trennungslied „Dreh dich nicht um“. Sieg auf ganzer Linie sozusagen.
Tjaja, irgendwann musste sie ja kommen: Die Hymne auf Hamburg. Und was für eine: „Kräne“ lässt den nächtlichen Containerhafen durch pure Fantasie lebendig werden. Das geht unter die Haut, oder wie es im Lied selbst heißt: ‚Und mein Herz es poltert auch‘.

Zwei Stücke, namentlich „Morsches Holz“ und „Nichts als Gespenster“, offenbaren jedoch eine ungeahnte, düstere Seite des Herrn zu Knyphausen. Bei diesen schummrigen Stücken bekommt man fast schon ein wenig Angst um Gisberts Gemüt. Kein Wunder, hat er doch kurz vorher noch kitschige Bilder von nächtlichen Road Trips und Elbfähren im Sonnenuntergang gemalt, oder der „Melancholie“ ein saftiges ‚Fick dich ins Knie‘ an den Kopf geworfen.
Aber gerade das abschließende „Nichts als Gespenster“ mäandert nur so vor sich hin, läuft dabei auch öfter mal ins Leere, ist aber so ziemlich das experimentellste was man je von Knyphausen gehört hat.

Vergleicht man nun den Erstling „Gisbert zu Knyphausen“ mit „Hurra! Hurra! So nicht.“, fällt auf, dass das neue Werk deutlich mehr Gebrauch von Metaphern macht. Glücklicherweise sind die aber recht einfach gehalten. Vor einer unnötigen Komplexität wie sie etwa bei Tomte gern mal vorkommt, muss sich also niemand fürchten. Gisbert zu Knyphausen versteht es nach wie vor seine kleinen Geschichten und Anekdoten ansprechend und verständlich zu verpacken.
Also nichts wie ran an den Rotwein, die Platte aufgelegt und aufmerksam lauschen. Ein fabelhafter Erzähler ist Knyphausen nämlich nach wie vor.

Tracklist:

01. Hey
02. Seltsames Licht
03. Grau, grau, grau
04. Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten
05. Ich bin ein Freund von Klischees und funkelnden Sternen
06. Kräne
07. Morsches Holz
08. Melancholie
09. Hurra! Hurra! So nicht.
10. Dreh dich nicht um
11. Nichts als Gespenster

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