Dendemann – Vom Vintage verweht

Man muss schon fast zweimal hinschauen um ihn unter dem Kostüm eines Talkshowgasts zu erkennen: Dendemann. Der selbsternannte „Meister der unvergleichbaren Vergleiche“ mit der reibeisernen Stimme ist zurück.
Als ob das neue Outfit nicht schon genug wäre, nein, auch die Single „Stumpf ist Trumpf 3.0“ weiß zu schockieren:
Hip-Hop-üblicher Schnickschnack wird über Bord geworfen, wuchtige Rocksounds übernehmen das Steuer. Hip Hop ist tot und Dendemann drischt scheppernd mit Drumsticks auf den Sargdeckel ein.

Schon der Albumtitel „Vom Vintage verweht“, Alliteration und Wortspiel zugleich, beweist dass Dendemann in den Jahren seit „Die Pfütze des Eisbergs“ weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen ist.
„Nesthocker“ liefert dann prompt die Begründung für das neue Soundkostüm: ‚Der Rahmen war zu klein und leider viel zu eng / Ich pass partout nich rein und neige dazu ihn zu sprengen / also tausch ich meinen neuen Ghettoblaster gegen die Freiheit und ne alte Stratocaster‘.
Das schon erwähnte „Stumpf ist Trumpf 3.0“ stichelt gewohnt ironisch gegen alles und jeden was sich den Stempel „Künstlerisch wertvoll“ aufdrücken will. Und so sehr die Band auch losscheppert: Dendemann geht höchst selten in dem ganzen Lärm unter. Eindrucksvoller Höhepunkt in dieser Kategorie: „0 Robota“.
„Tierisch“ verlegt sich hingegen auf die Dendemannsche Buchstabenakrobatik und mutiert zu einer wahnwitzigen Wortspielsafari im Großstadtdschungel.
Was sich der Herr aber bei solchen Tracks wie „Petze“ denkt, bleibt ungewiss. Nach dem dritten schlechten Reim à la „Petze – Letzte“ schwirren dem Hörer ebenfalls solche Sachen wie „Bekommt Dende noch die Wende?“ im Kopf herum. Zu diesem erschreckend miesen Track gesellt sich nur wenig später das nicht weniger üble „Es geht bergab“. Selten gingen Name und Qualität eines Tracks so Hand in Hand wie hier.
Von diesen beiden Totalausfällen einmal abgesehen, weiß das Album auf der zweiten Hälfte durchaus zu überzeugen: „Metapher Than Leather“ und „I’m a Record Junkie und zurück“ heben die Laune sprunghaft an. Gerade zweiteres ist mit seinem Oldschool-Beat ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit und zeitgleich eine Bauchpinselei für jeden Plattenfreund.
Das eigentliche Schmankerl versteckt sich aber ganz am Ende der Platte. „Papierkrieg“ ist wahrscheinlich das Highlight auf „Vom Vintage verweht“. Eine dieser  ‚Geschichten mit den nichtigen Themen‘, wie Dendemann es selbst formuliert und für die man ihn so liebt. Dass da wie selbstverständlich Tocotronics „Explosion“ als Sample eingebaut wird, ist dann fast schon Beiwerk. Hier kann sogar noch ein Bushido lernen wie man legal andere Künstler „zitiert“.

Mutig ist wohl das beste Wort um „Vom Vintage verweht“ knapp zu beschreiben. Das neue, rockende Soundgewand dürfte den ein oder anderen Fan problemlos in die Flucht schlagen. Anfangs nervig, wird mit der Zeit aber immer mehr klar, dass gerade das zu Dendes rauer Stimme passt. Wo „Die Pfütze des Eisbergs“ mehr den lässigen Gameboyspieler auf dem Schulhof imitiert, ist „Vom Vintage verweht“ eher das rempelnde Prollokind. Gerade in Hinblick auf den Einfallsreichtum, zieht der Vorgänger aber mit einigen Nasenlängen Vorsprung am Neuling vorbei. Das Wortspielbäumchen hat früher eben deutlich mehr Blüten hervorgebracht. Trotzdem sollten solche Wortschöpfungen wie ‚Eurung‘ und ‚Deinung‘ („Hörma!“), die analog zu ‚Meinung‘ benutzt werden, schleunigst salonfähig werden!
Küsse möchte man Dendemann letztlich noch für die Verpackung zuwerfen: Die Hülle, in Form eines aufklappbaren Laptops, erinnert einen wieder wohlig daran, warum man noch CDs kauft.

Tracklist:

01. Nesthocker
02. Stumpf ist Trumpf 3.0
03. V.N.D.
04. 0 Robota
05. Und wenn ja, warum?
06. Freie Radikale GbRdH
07. Tierisch
08. Petze
09. Metapher Than Leather
10. Es geht bergab
11. I’m a Record Junkie und zurück
12. Hörma!
13. Papierkrieg

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