The Antlers – Hospice

Wie oft schafft es ein Album uns so stark und tief zu berühren, wie es sonst nur Bücher und Filme vermögen? Über ein leichtes Kopfnicken oder Wippen mit dem Fuß geht es doch meistens nicht hinaus. Da kann man Texte und Melodien noch so bewegend und authentisch finden. Ein paar Tage und Wochen später hat man das Gehörte wieder tief in das Musikarchiv des eigenen Hirns zurückgeschoben. Ob „Hospice“ von The Antlers ein ähnliches Schicksal droht, lässt sich nur schwer abschätzen. Für den Moment ist es schlicht das ergreifendste Album das ich je gehört habe.

Peter Silberman, Kopf des besagten Trios aus New York, soll sich für mehrere Wochen von Freunden und Familie abgeschottet haben um die Songs für „Hospice“ zu schreiben. Die Grundidee dieses Konzeptalbums klingt reichlich abgeklatscht: Eine Liebesbeziehung zwischen einer sterbenskranken Frau und dem dazugehörigen Mann.

Ganz so einfach gestaltet es sich jedoch nicht. Sylvia, unheilbar an Knochenkrebs erkrankt, verlebt ihre letzten Tage im Kettering, einer Krebsklinik in New York. Der Erzähler der Geschichte ist selbst ein Pfleger in diesem Krankenhaus und verliebt sich in Sylvia. Allerdings herrscht keine Harmonie, es darf sogar in Frage gestellt werden ob es überhaupt eine echte Beziehung ist. Sylvia leidet unter ihrer eigenen Vergangenheit und der Krankheit, schwankt zwischen Apathie und blinder Wut auf die Welt.

Dass diese Geschichte nur ein bitteres Ende bieten kann, machen die ersten Töne des „Prologue“ deutlich. Mit Geräuschen von Beatmungsgeräten unterlegt, wird das anschließende „Kettering“ eingeleitet, welches den Beginn der Beziehung zwischen Sylvia und dem Erzähler markiert. Klaviermelodien gehen in weitläufige Soundflächen über, sodass sich der Stil von The Antlers irgendwo zwischen Indie-Rock, -Pop und sogar einem winzigen Schuss Post-Rock ansiedelt. Wo Sylvias impulsive Seite in „Kettering“ treffend mit ‚I didn’t believe them when they called you a hurricane thunderclap’ charakterisiert wird, widmet sich der Song “Sylvia” der apathischen Seite:

‚Sylvia, get your head out of the oven. Go back to screaming and cursing, remind me again how everyone betrayed you. Sylvia, get your head out of the covers. Let me take your temperature, you can throw the thermometer right back at me, if that’s what you want to do, okay?’

 

Wenn Peter Silberman diesen Refrain vor einer aufwühlenden Indie-Rock-Kulisse wiedergibt, sieht man den Pfleger vor sich, wie er an Sylvias Bett steht und sie verzweifelt um jede noch so kleine Reaktion anfleht.

Geradezu tanzbar und somit ungewöhnlich für das restliche Album gibt sich zunächst „Bear“. The Antlers fahren hier schon fast lupenreinen Indiepop auf, der durch spieluhrgleiche Klaviereinsätze nur noch mehr ins Ohr geht. Aber auch dieser Song hat seine Relevanz unter den neun anderen, geht es doch hier vornehmlich um Sylvias Vergangenheit, die nur wenig besser als die Gegenwart zu sein scheint.

Die Kranke selbst kommt nur ein einziges Mal zu Wort, nämlich in „Thirteen“ welches passenderweise mit „Or, Sylvia speaks“ untertitelt ist (was übrigens auf jeden Song zutrifft). Wenn nun das ganze Leid dieser Figur in vier einfache Textzeilen verpackt wird, ist das zutiefst bewegend. Gerade wenn diese gespenstische Stimme deutlich macht, dass Sylvia dem Tod bereits näher als den Leben ist.

„Wake“ legt noch eine Schippe drauf, reißt den Hörer nun endgültig mit in den hoffnungslosen Abgrund, der sich schon längst unter den beiden Liebenden geöffnet hat. Geradezu berechnend wirkt es wenn zwischen den Tönen leises Schluchzen zu hören ist. Auf fast neun Minuten ausgebreitet, verlangt dieser Song dem Hörer doch so einiges ab. Der schwache Trost kommt erst zum Schluss: ‚Don’t ever let anyone tell you you deserve that’.

Das Szenario welches The Antlers auf ihrem Konzeptalbum beschreiben ist geradewegs für Klischees und Kitsch geschaffen. Doch die rosarote Brille kann getrost zuhause gelassen werden, wenn diese Geschichte über den Tod, hoffnungslose Liebe, Schmerz und Trauer erzählt wird. Keine romantischen Verklärungen, nur die bittere Pille namens Wahrheit.

„The Antlers“ geben sich alle Mühe, die Geschehnisse im „Hospice“ für den Hörer nachvollziehbar zu machen. Das fängt mit dem leisen Gesangsstil Peter Silbermans an, der stellenweise fast schon unverständlich ist, aber im Grunde nichts anders darstellt als Flüstereien in das Ohr einer sterbenden Frau. Mit der stilsicherer Instrumentierung kommt ein weiteres Element hinzu: Die ersten Töne des „Prologue“ machen die kalte Sterilität des Krankenhauses hörbar. Trompeten sind auf „Hospice“ kein Zeichen für Triumph, sondern für Abschied. Ja sogar verschiedene Motive blitzen im Verlauf der Platte immer wieder kurz auf.

Schlichtweg beeindruckend ist es wie plastisch Silberman seine beiden Hauptpersonen beschreibt. Mit Texten, die den Glauben erschweren, dass es sich hier um eine fiktive Geschichte handelt, so realistisch wirken Sylvia und ihr namenloser Pfleger. Ergänzt wird das ganze durch die vielen kleinen Interpretationsspielräume, die Peter Silberman dem Hörer offen lässt. Es ist keinesfalls sicher dass meine obige Interpretation die richtige ist.

Es fällt schwer Highlights unter den zehn Titeln zu küren. Einerseits weil jeder einzelne zum Gesamtkunstwerk untrennbar dazugehört, zum anderen weil dieses Album keine Feel-Good-Platte ist, sondern eher wie ein riesiger Kloß im Hals steckt. Wer also mit todtraurigen Geschichten leben kann oder einfach eines der emotionalsten Alben der vergangenen Jahre erleben möchte sollte „Hospice“ defintiv in Erwägung ziehen.

Tracklist:
01. Prologue
02. Kettering
03. Sylvia
04. Atrophy
05. Bear
06. Thirteen
07. Two
08. Shiva
09. Wake
10. Epilogue

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