Gorillaz – Plastic Beach

Eigentlich sollte nach dem zweiten Album Schluss sein. Zumindest wenn man den kreativen Köpfen hinter den Gorillaz, Damon Albarn und Jamie Hewlett, 2006 geglaubt hat. Dass jetzt 2010 die dritte reguläre Platte (dazwischen gab es zwei Alben voller B-Seiten) erscheint mag für den ein oder anderen überraschend kommen. Wieder einmal schart die fiktive Band bekannte Namen unter ihrem Banner. Darunter solche Größen wie Mos Def, Snoop Dogg, Lou Reed oder Bobby Womack. Also alles wie gehabt, oder?

Zum Teil. Wie auf den beiden Vorgängeralben „Gorillaz“ und „Demon Days“ ist die Tracklist von „Plastic Beach“ mit 16 Tracks mehr als üppig ausgefallen. Auch der Name der Platte ist mehr oder weniger Programm: So gechillt wie auf ihrem dritten Longplayer waren die Gorillaz noch nie. Hier ein kleiner Schuss 80er-Jahre-Charme, da noch ein großzügiger Brocken Hip-Hop, fertig ist der Soundtrack für einen Tag am Strand.

Ganz so einfach ist das natürlich nicht, aber die unaufgeregte Vorab-Single „Stylo“ vermittelt schon einen guten Eindruck von dem was auf „Plastic Beach“ wartet: Einfach gestrickte, gemächliche Songs, die mal von Gastbeiträgen gerettet, mal abgeschossen werden. Snoop Doggs Beitrag „Welcome To The World of Plastic Beach“ kann beispielsweise getrost in der Schublade „Nett, aber verzichtbar“ abgelegt werden. Ein ähnliches Schicksal ereilt Füllmaterial wie „White Flag“, „Broken“ oder „To Binge“. Dazwischen findet sich immer wieder mal eine Perle wie „Rhinestone Eyes“ die dann durch Damon Albarns Gesang und hörenswerten Effekte doch noch hoffen lässt.
Als wahres Gewitter stellt sich das Quasi-Instrumental „Glitter Freeze“ heraus. Zwar ist auch hier meilenweit keine abenteuerliche Songstruktur zu erkennen, aber allein die aggressive Kombination aus Morsezeichen und fiependen Elektrosounds hebt es vom Rest der Stücke gnadenlos ab. Was Aggresivität angeht, schießt „Sweepstakes“ weit über das Ziel hinaus und ist mit seiner Dancehall-Attitüde letztlich nur noch nervig.
Angenehmer wird’s dann bei solchen Glanztaten wie Lou Reeds Beitrag: „Some Kind Of Nature“ tänzelt leichtfüßig durch die nächstbeste Waikiki-Beach-Bar und besteht im Grunde aus nichts weiter als dem Wechselspiel zwischen Reeds launischem (Sprech-)Gesang und Albarns Stimme. Die Pianotupfer sind da fast schon Beiwerk.
Bei all der Lockerheit kommt aber das Comichafte, das Überzeichnete nicht zu kurz: Ausgerechnet De La Soul, die ihren Einstand in das Gorillaz-Ensemble mit „Feel Good Inc.“ feierten, veredeln „Superfast Jellyfish“. Das Trio rappt über Frühstücksflocken während der Track an allen Ecken und Enden piept, knarzt und vor lauter Überdrehtheit fast zu platzen droht.
Umso unverständlicher sind dann solche blassen Tracks, die sich vornehmlich in der zweiten Hälfte tummeln. Wo Bobby Womack in „Stylo“ noch mit seinem Gesangspart beeindruckte, versinkt er mit „Cloud of Unknowing“ in der Belanglosigkeit. Zusammen mit „On Melancholy Hill“ kann man hier möglicherweise die beiden harmlosesten Tracks der gesamten Gorillaz-Diskographie hören.

Weiterer Wermutstropfen: Es ist mir schlichtweg unverständlich warum man sich für ein vollwertiges (digitales) Booklet auf der Homepage der Gorillaz registrieren muss. So ein Vorgehen hat den faden Beigeschmack von User-Fang. Das aber nur nebenbei und unabhängig von der Bewertung.

Die größte Stärke der Gorillaz war immer der Abwechlungsreichtum. Warum diese Trumpfkarte jetzt nicht mehr gespielt wird, bleibt dem langjährigen Hörer verborgen. Viel zu oft ertappt man sich dabei, wie die Tracks einer nach dem anderen an einem vorbeiplätschern bis dann eben mal solche Ausreißer wie „Glitter Freeze“ aus den Boxen dröhnen. Zu vorhersehbar, zu eintönig verläuft das Album. Auch die Versteifung auf einen Musikstil bricht der Platte letztendlich das Genick. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Tracks sind bei weitem nicht so gravierend wie auf den beiden Vorgängern. So wird die Suche nach Highlights zur persönlichen Geschmacksfrage.
Im Grunde ist „Plastic Beach“ kein schlechtes Album, aber im direkten Vergleich zu den musikalischen Wundertüten „Gorillaz“ und „Demon Days“, stürzt es ins Bodenlose ab.

Tracklist:

01. Orchestral Intro
02. Welcome To The World Of Plastic Beach
03. White Flag
04. Rhinestone Eyes
05. Stylo
06. Superfast Jellyfish
07. Empire Ants
08. Glitter Freeze
09. Some Kind Of Nature
10. On Melancholy Hill
11. Broken
12. Sweepstakes
13. Plastic Beach
14. To Binge
15. Cloud Of Unknowing
16. Pirate Jet

Ein Gedanke zu „Gorillaz – Plastic Beach

  1. „So wird die Suche nach Highlights zur persönlichen Geschmacksfrage.“

    unabhängig von den anspieltips und favoriten die dann doch stark anders aussehen bei mir, find ich dein gezogenes fazit einfach super und absolut nachvollziehbar! Plastic Beach geht im vergleich zu den vorgängern gnadenlos unter! Doch selbst unabhängig von den vorgängern, kann die platte einfach nicht voll überzeugen.

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