Johnny Cash – American Recordings VI: Ain’t No Grave

Mit dem sechsten und letzten Teil der American Recordings Reihe schließt sich nun der Kreis für den Man in Black. Das Spätwerk, das aus der Zusammenarbeit Johnny Cashs mit Produzentenlegende Rick Rubin entstanden ist, findet nun seine Ende – pünktlich zu dem Tag an dem die Country Legende ihren 78. Geburtstag gefeiert hätte.
Wie für die American Recordings Reihe üblich, stehen keine Eigenkompositionen im Vordergrund, sondern Stücke anderer Musiker, denen Cash seinen ganz eigenen Zauber verleiht.

Der 6. Teil entstand in zeitlicher Nähe zum 2006 erschienen „American Recordings IV – A Hundred Highways“. So verwundert es kaum, dass auch die aktuelle Platte wieder reichlich spirituell geraten ist. Auch die Zahl der bekannten Originalinterpreten strebt wieder gegen Null. Coverversionen von populäreren Stücken wie „Personal Jesus“ oder auch „Mercy Seat“ sucht man hier vergebens. Nun gut, Sheryl Crow sagt dem ein oder anderen dann vielleicht doch etwas.
Deren „Redemption Day“ wird von Cash gewohnt auf das notwendigste Grundgerüst heruntergebrochen. Im Original eine flotte Nummer, gewinnt der Song erst durch Cashs Interpretation die verheißungsvolle Bedeutung die er verdient: „There is a train that’s heading straight to heaven’s gate“.
Man glaubt es gern wenn in Interviews immer wieder betont wird, dass der Glaube an Gott und Musik den Mann in Schwarz am Leben gehalten haben. Selbst nach dem Tod seiner Frau June soll ein unbeugsamer Lebenswille in ihm gesteckt haben.
Die Songauswahl auf „Ain’t No Grave“ steht für sich: Mit brüchiger Stimme singt er im Titelsong „There ain’t no grave can hold my body down“ – sogar wenn der Tod schon längst mit Stampfen und rasselnden Ketten hinter ihm steht.
Cash bringt es sogar fertig mit nicht mehr als einer Bibel an das alte Herz gepresst, in „I Corinthians 15:55“ (das einzige eigene Stück) dem Sensenmann zu trotzen.
„I Don’t Hurt Anymore“ orientiert sich hingegen stark am Dahinscheiden seiner Frau – und man möchte ihm glauben wenn er von den mittlerweile überwundenen Schmerzen singt.

Überhaupt ist es weniger die gewohnt minimalistische Instrumentation als vielmehr Cashs Stimme, mit denen er sich die Songs zueigen macht. Wer dachte dass mit „Hurt“ auf dem vierten Teil der American Recordings das Maximum an Brüchigkeit zu hören war, wird nun spätestens auf „Ain’t No Grave“ eines besseren belehrt. Wenn Cash auf den Vorgängern ein knorriger Baum war, der sich auch gegen den stärksten Sturm stemmt, so hat er seit dem fünften Teil bereits einige Äste eingebüßt. Bereits halb entwurzelt steht er aber weiter aufrecht, auch wenn das Ende nicht mehr lange auf sich warten lässt. Dann passiert es: Die letzten Wurzeln reißen aus dem Boden, der Baum fällt in Zeitlupe.
Doch Cash lässt es sich nicht nehmen sich ausgerechnet mit dem hawaiianischen Klassiker „Aloha Oe“ und zittriger Stimme zu verabschieden. Es ist ein tröstlicher und würdiger Abschied. Cash hat seinen Frieden gefunden: „One fond embrace before I now depart / until we meet again”.

Natürlich kann man sagen: “Wie kann man einen sterbenden Mann nur so auspressen?”. Man sollte jedoch bedenken, dass es Cashs ureigener Wille war, selbst im fortgeschrittenen Stadium seiner Krankheit die Songs der American Recording Reihe aufzunehmen. Wann immer es sein Gesundheitszustand erlaubte, arbeitete er mit Rick Rubin an seinem Spätwerk.
Der sechste Teil reiht sich nahtlos in die Reihe ein und bildet mit ihnen zusammen ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Freilich hat der Fokus auf spirituelle Songs bereits beim fünften Teil der Saga bei vielen Hörern für Unmut gesorgt. Aber seien wir ehrlich: Cashs Songs hatten seit jeher religiöse Bezüge und waren von seiner Gottesfürchtigkeit geprägt.

„Ain’t No Grave“ stellt einen würdigen Abschluss dar, der aber nicht ganz an andere Teile wie „Solitary Man“ heranreicht. Der letzte Vorhang ist gefallen, möge die Leichenfledderei beginnen.

Tracklist:
01. Ain’t No Grave
02. Redemption Day
03. For The Good Times
04. I Corinthians 15:55
05. Can’t Help But Wonder Where I’m Bound
06. Satisfied Mind
07. I Don’t Hurt Anymore
08. Cool Water
09. Last Night I Had The Strangest Dream
10. Aloha Oe

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