Kettcar – Fliegende Bauten (live)

Wer so ein echter Rockstar sein will muss mindestens einmal in seinem Leben ein Doppelalbum raushauen. Weil die fünf Herren von Kettcar jetzt nicht unbedingt zur Gattung Homo Rockstaricus gehören, haben sie sich für die Milchbubivariante, ein Live-Album nämlich, entschieden. Dabei handelt es sich aber nicht um stinknormale Konzertmitschnitte, sondern um Unplugged-Versionen, welche während der letzten Tour in den Fliegenden Bauten zu Hamburg aufgenommen wurden.

Das spannende daran ist, dass Kettcar sich bewusst dafür entschieden haben auch rockigere Stücke in das Unplugged-Korsett zu zwängen. Die ohnehin schon ruhigen Stücke bekommen durch die Begleitung des Streicherquartetts der Neuen Philharmonie Frankfurt ihren letzten Feinschliff verpasst und funktionieren wenig überraschend sehr gut. „Volle Distanz“, „48 Stunden oder auch „Nacht“ und Balu“ beweisen, dass die Streicher nicht überpräsent sind, sondern ganz gezielt Akzente setzen und das ohnehin schon heimelige Gefühl beim Hören dieser Songs noch verstärken. Das mag eher langweilig klingen, ist im Endeffekt aber die richtige Entscheidung, um die Songs nicht unnötig zu verändern und im schlimmsten Fall die Stimmung zu zerstören.
Spannend wird es aber eben erst bei den ursprünglich lauteren Stücken: „Tränengas im High-End-Leben“ büßt wie auch „Landungsbrücken raus“ nichts von seiner Intensität ein. Gerade die letztgenannte Hamburghymne beflügelt unplugged noch ein kleines Stück mehr als im Original. Wenn Marcus und Lars Wiebusch zum Endspurt ansetzen und sich im Gesang gemeinsam mit den Streichern hochschaukeln, dann ist das einer dieser ganz speziellen Momente den man mit Kettcar verbindet. Selbstverständlich darf bei einem Kettkar Konzert der Blick auf den „Balkon gegenüber“ nicht fehlen. Und wir wissen: Dem Typen da drüben geht es noch genauso mies wie vor einigen Jahren, nur dass sein Leiden durch ein Streichquartett noch viel nachvollziehbarer für uns wird.
Das im Original fast ausschließlich elektronische „Fake For Real“ ist so etwas wie eine Perle auf „Fliegende Bauten (live)“. Die Akustikklänge stehen dem Stück nicht weniger gut zu Gesicht als die Synthesizer im Original. Stellenweise wird die Begleitung sogar auf ein absolutes Minimum zurückgefahren, wodurch Marcus Wiebuschs Worte nur noch eindringlicher wirken.
Von Feinfühligkeit kann in “Money Left To Burn” nur bedingt die Rede sein, wo sich doch hier geradezu die Seele, natürlich nur im akustischen Rahmen, aus dem Leib gesungen wird.
Als nette Dreingabe ist die B-Seite „Hauptsache Glauben“ zu verstehen, die nun so ein viel größeres (und verdientes!) Publikum bekommt.

„Live-Alben sind Zweitverwertungen“ schreibt Marcus Wiebusch im Booklet. Keine Frage, der Mann hat Recht. Aber gerade auf ein Live-Album wie dieses, was kein normales Kettcar-Konzert abbildet, trifft das eben nur bedingt zu. Seien wir ehrlich: Ein echtes Konzerterlebnis kann so eine Live-CD nicht ersetzen. Man denke nur an das Dauergrinsen eines Lars Wiebusch. Dennoch entschädigen die neuen Arrangements für diesen unvermeidlichen Mangel. Wiebusch schreibt auch dass es sich hier nicht um ein Best-Of-Album handelt. Der Mann kann sagen was er will, denn die Auswahl der Songs ist schlicht und ergreifend ein gelungener Querschnitt der Kettcar-Diskografie. Somit eignet sich die Scheibe wohl gerade für Leute, die von den fünf Hamburgern noch nichts gehört haben. Diejenigen, die ohnehin noch nie etwas mit Kettcar anfangen konnten, wird aber auch dieses Album nicht umstimmen.

Tracklist:

01. 48 Stunden
02. Volle Distanz
03. Tränengas im High-End-Leben
04. Landungsbrücken raus
05. Balkon gegenüber
06. Balu
07. Fake For Real
08. Money Left To Burn
09. Hauptsache Glauben
10. Am Tisch
11. Nacht
12. Graceland

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