Mumford & Sons – Sigh No More

Was war das 2008 für ein Ruck in der Kritiker- und Musiklandschaft, als die Fleet Foxes ihr Debütalbum auf den Markt brachten und nebenbei der Folkmusik zu einem zweiten Frühling verhalfen. Seitdem sprießen immer neue Bands, die den Folk für sich entdecken, aus dem Boden. Eine ganz besonders hörenswerte verbirgt sich hinter dem Namen „Mumford & Sons“. Eigentlich machen sie nichts anders als ihre Genrekollegen: Chorgesänge? Check. Akustische Instrumentierung? Check. Eher ausgefallene Instrumente wie Banjo und Tamburin? Check. Irgendwas muss es also geben, was die vier jungen Herren von der Masse abhebt. Und nein, die Tatsache dass Sänger und Gitarrist Marcus Mumford sein Tamburin mit den Füßen bedient, ist es ganz sicher nicht.

Tatsächlich weckt der Eröffnungstitel „Sigh No More“, mit seinem geradewegs heiligen Chorgesang Erinnerungen an die Fleet Foxes. Diese sakralen Elemente werden aber spätestens dann über Bord geworfen, wenn der Song im weiteren Verlauf mit weit ausgebreiteten Armen auf den Hörer zustürmt, umarmt und ein paar Pirouetten mit ihm dreht. Wer hier noch nicht dieses wunderbar gespielte Banjo in sein Herz geschlossen hat, wird es spätestens beim folgenden „The Cave“. Die Lieder sind so schlicht traditionell und erhaben gestaltet, dass man sie am liebsten nur stilecht mit Waschbärmütze und Bärenmantel genießen möchte.

Das bittersüße „White Blank Page“ treibt die Dynamik schließlich auf die Spitze und schaukelt wie in einem Sturm auf und ab. „Little Lion Man“ protzt nur wenig später mit dem wohl charmantesten Schuldgeständnis überhaupt: I really fucked it up this time, didn’t I, my dear?

Aber selbst die lebenstrunkenen Mumford & Sons schlagen auch mal ernstere Töne an: „I Gave You All“ und „Thistle & Weeds“ verhelfen der Platte zur nötigen Abwechslung. Auch wenn Marcus Mumford hier seinen kehligen Gesang deutlich zurückfährt, bricht dieser am Ende, wenn beide Songs sich noch mal aufschwingen, erneut durch.

„Dust Bowl Dance“ erinnert mit seiner Outlaw- und Ungerechtigkeitsthematik an die Texte eines Johnny Cash. Mumford singt sich im Verlauf des Songs so sehr in Rage, dass es einem bei der Zeile There will come a time I will look in your eye / you will pray to the God that you always denied eiskalt den Rücken hinunterläuft. „Dust Bowl Dance“ ist auch der einzige Titel, in dem der alten Folkmaschine etwas Strom eingespritzt wird, was für das furios-explosive Finale fast schon nötig scheint.

„After The Storm“ passt demzufolge als Schlusstrack wie die Faust aufs Auge. Mumford & Sons klingen eben selbst dann noch fantastisch wenn sie die Scherben aufkehren. Emotional und einfühlsam sind wohl die Attribute, die „After The Storm“ in sich vereint.

Mumford & Sons schreiben mit „Sigh No More“ den Soundtrack für einen Wettlauf durch tiefe nordamerikanische Wälder: Vereinzelte Sonnenstrahlen brechen durch das Geäst, Reste des Morgennebels liegen noch immer in der Luft. Nach einer Hatz über Stock und Stein steht man letztlich am Ziel: Auf einer Klippe, vor uns nichts als der blaue Himmel, unter uns das Donnern eines Wildbachs.
Dass die vier Herren dann eigentlich aus London kommen, fällt hier bereits nicht mehr ins Gewicht.

So ganz ist einem auch nach mehrmaligem Hören nicht klar, warum diese Musik so zündet. Ist es dieser mitreißende Songaufbau, der zum Tanz durch die eigenen vier Wände verführt? Oder die Tatsache dass auf „Sigh No More“ eine Perle an die nächste gereiht wird? Oder weil man einfach gar kein richtiges Highlight benennen kann?

Vermutlich ist es diese Vertrautheit, die in jeder Note liegt und diese Musik von Alterserscheinungen freispricht. Man kann es drehen und wenden wie man will: Mumford & Sons haben uns die schönsten Melodien seit langem beschert.

Tracklist:
01. Sigh No More
02. The Cave
03. Winter Winds
04. Roll Away Your Stone
05. White Blank Page
06. I Gave You All
07. Little Lion Man
08. Timshel
09. Thistle & Weeds
10. Awake My Soul
11. Dust Bowl Dance
12. After The Storm

2 Gedanken zu „Mumford & Sons – Sigh No More

    • Oh ja, vom Konzert erwarte ich nicht weniger als ‚Großartig‘.🙂
      Und Johnny Flynn als Support wird auch klar gehen… ist mir neulich schon auf last.fm begegnet.

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